Sagen aus dem Saalkreis

Sagen und Geschichten haben immer eine ganz eigene Magie. Schön, dass ich auf dieses kleine Heft gestoßen bin, denn Sagen und Geschichten aus dem Saalekreis sind schon etwas Besonderes.

Sagen aus dem Saalekreis

Aus der Tiefe menschlicher Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und ein wenig Wohlstand flüchteten sich einst die Träume des unterdrückten Volkes in die Sagenwelt. Das karge Leben der Dorfbewohner  des Saalkreises, gemessen am Reichtum der Herrschenden von Kirche und Staat, erweckte Wünsche, die häufig nur in Sagen Erfüllung fanden. 

Die in Unwissenheit gehaltenen Menschen kannten kaum die Zusammenhänge der sie umgebenden Natur. Der Glaube an Geheimnisvolles erklärte auf seine Weise das Wirken der Naturkräfte. Das weite Gebiet der Volkssage entstand. Das volkstümliche Erzählgut umfaßt all die bekannten Gestalten wie Hexen, Kobolde, Feen und verschiedene Gespenster. Wie ein Nebelschleier schwebte die „Weiße Frau“ über die Felder, durch Wälder oder in alten Gemäuern. Andere seltsame Gestalten standen den Menschen teils freundlich, oft aber auch sehr feindlich gegenüber. So fliegt eine gütige Fee in Gestalt einer weißen Taube fruchtbringend über die Fluren des Saalkreises. In den ehemaligen Kohlegruben bei Zscherben tritt die Gestalt des Grubenbesitzers als fürchterlicher Berggeist auf.

Vom zentralen Punkt des Saalkreisgebietes, dem Petersberrg, gehen viele Sagen aus oder führen aus den umliegenden Dörfern zum Petersberg. Der germanische Wettergott Donar hatte einst auf diesem Berg seinen Sitz, bis im 12. und 13. Jahrhundert christliche Missionare ihn zum Teufel erklärten. Gewaltige Felsblöcke soll nun dieser Teufel nach den umliegenden christlichen Kirchen geschleudert haben.

Wie die Sage erzählt, führten einst unterirdische Gänge vom Petersberg zu einigen Dörfern der Umgebung. Ein Mönch‚ umwallt von weißem Haar und Bart, begab sich nachts durch diese Gänge, um das Vieh der Bauern zu pflegen.

Der Petersberg, ein Symbol für den Saalkreis, erhebt sich 10 Kilometer nordöstlich von Halle. Mit 250 Meter über dem Meeresspiegel überragt er aber nur 100 Meter seine nähere Umgebung. Einst war dieser Berg ein kahler Porphyrfelsen. Mageres ‚braunes‘ Gras machte ihn düster. Große Teile des Berges waren im 19. Jahrhundert aufgeforstet, und ein herrlicher Wald bedeckt jetzt die Nordseite des Berges. Der Südhang wird vom großen Steinbruch und von den Häusern der Gemeinde Petersberg bestimmt. Eine architektonische Sehenswürdigkeit bietet die ehemalige Klosteranlage des Augustinerchorherrenstifts mit der um 1853 fast original wieder aufgebauten und restaurierten romanischen Basilika. Als um das Jahr 1000 eine alte Holzkapelle durch eine Steinkapelle zu Ehren Petrus ersetzt wurde, war auch der Name Petersberg im Entstehen.

Die Geschehnisse auf und um den Petersberg, das ausschweifende Leben der Mönche des Klosters im 16. Jahrhundert waren Anlaß zu allerlei Geschichten, deren Ursprung auf tatsächlichen Begebenheiten beruhten. Die Phantasie hat ihr übriges dazu getan.

Sagen sind ein wertvolles Spiegelbild der Kultur und Geschichte eines Volkes. Die alten Geschichten erwecken unser Interesse, weil wir aus diesen Zeugen der Volksdichtung die Lebenswelt vergangener Zeiten erfahren. Nicht zuletzt führen uns die Sagen in glückliche Kindheit zurück, wo Vater, Mutter oder Großmutter eine Welt vor uns auftaten, geheimnisvoll, märchenhaft und schön.

Düstere Wolken fliehen über den mons sancti Petri hinweg, als wir, meine Frau und ich, die Höhe des Berges erreichen. Durch die Ruinen der Klosteranlage hebt der Sturm und verfängt sich im alten Gemäuer. Als vor etwas über 400 Jahren, am 31. August 1565, durch Blitzschlag der Turm der Kirche und die anderen Gebäude, bis auf die alte Kapelle, vernichtet wurden, mag der Sturm ebenso getost haben, wie wir es heute erleben.

Mit der Wiederherstellung der Stiftskirche von 1853 bis 1857 war ein Bauwerk entstanden, das als sichtbares Zeichen einer bewegten Vergangenheit weithin die Silhouette des Petersberges bestimmt.

Der große Brand auf dem Petersberg

Zu mitternächtlicher Stunde klopfte ein einsamer Wanderer an das Tor des Augustinerstifts auf dem Petersberg und begehrte Einlaß. Die Mönche verwehrten jedoch den Zutritt, da sie gerade mit einigen Nonnen ein fröhliches Fest feierten. Das sollte der Fremde nicht sehen. Der arme Wanderer blieb vor dem Tor und machte sich ein Feuer, um in dessen Wärme zu schlafen. Das Feuer erfaßte jedoch das Holztor und breitete sich schnell auf die ganze Klosteranlage aus.

Einer anderen Erzählung nach sollen Raubritter mit den Mönchen ein Fest gefeiert und im großen Saal des Mönchshauses ein Feuer entzündet und um das Feuer getanzt haben, bis die Flammen plötzlich die Holzdecke erreichten. .

Der Mönch vom Petersberg

In der ganzen Umgebung ist der „Mönch vom Petersberg“ bekannt. Er soll in unterirdischen Gängen nach Krosigk, Löbejün, Wettin, Merbitz und Gutenberg gegangen sein und überall das Vieh der Bauern gepflegt haben. Für diese Dienste forderte der Mönch nur, daß man freundlich zu ihm war.

Es gab Leute, die behaupteten, den Mönch beim Mondesschein auf seinem Lieblingsfohlen reitend auf dem Gipfel des Berges gesehen zu haben.

Die unsittlichen und ausschweifenden Gelage der Mönche hatten bei einem Bruder Beschämung gegenüber der armen Saalkreisbewohner ausgelöst. Der Mönch, so erzählen sich noch heute die Leute, hat wohl aus diesem Grund den Bauern heimlich geholfen.

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Die letzten Wolkenfetzen fliegen davon und die Sonne überstrahlt das Land. In den Tälern bleibt noch ein wogender Nebelschleier liegen. Wie die Wipfel eines winterlichen Waldes sieht das aus. Einst war ja die weite Landschaft um den Berg von Wald bedeckt. Das Bergholz ist der Rest einer ursprünglichen Waldvegetation. Diese bewaldete Flur birgt im Frühjahr so manches Geheimnis der erblühenden Bodenflora. Vom Hauch des Windes bewegt, wiegen sich wie im Elfenreigen zarte Gräser und Frühlingsblumen. Der aufmerksame Wanderer entdeckt zwischen dieser schwingenden Musik der Gräser eine Märchen- und Sagenpflanze, einen schweigenden Waldbewohner. Die Dämmerung der Baumgründe, die Stille unter Büschen, der Schutz des Grases sind bevorzugte Stellen, die er liebt. Die Sage hat ihren heimlichen Schimmer um ihn gesponnen, den Pilz.

Zur Maienzeit finden wir besonders unter Buchen eine eigentümliche Erscheinung. Da stehen in Ringen viele weiße Pilze. Diese Ringe sind Wuchsformen des sich in der Erde strahlenförmig ausbreitenden Pilzgeflechts, an dessen Ende die Pilze hervortreiben.

Hexentänze im Bergholz

Wie sie da toben, wie sie da kreischen zu mitternächtlicher Stunde und wirbelnd im Ring der weißen Waldgnomen tanzen. Die Hexen vom Bergholz sind versammelt und ziehen zu Walpurgis zum Harz, zum Blocksberg. Die Knaben der Dörfer um den Petersberg reiten am Abend vor der Walpurgisnacht auf Stecken unter großem Lärm durch den Ort. Sie wollen die Hexen abschrecken, damit sie nicht in die Häuser dringen. Drei Kreuze an der Haustür sind ein sicherer Schutz.

Die eigentümliche Ringform der Maipilze wurden im Volksmund als Hexenringe bezeichnet. Oft sind mehrere solcher Ringe verschiedenen Durchmessers dicht beieinander. Dann flüstert man sich zu: „Es sind die Zaubertanzfiguren der Feen.“

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Wir müssen die Hand vor Augen halten, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, wenn wir nun nach Süden schauen. Sanft zieht sich der Berg hinunter in die weite Ebene, die nur von einigen kleinen querliegenden Höhenzügen unterbrochen wird. So schaut die Spitze des Kirchturmes von Gutenberg zwischen zwei Hügeln vor den Seebener Bergen hervor. Beim Entdecken des hübschen Dorfes Gutenberg von unserem Berge aus müssen wir lachen: Ob wohl der habgierige Bauer noch in seiner Stube sitzt? Mindestens 500 Jahre ist es her. vielleicht auch länger. Doch was es damit auf sich hat, erzählt die folgende Sage.

Der Kobold von Gutenberg

Einst hatte ein Bauer aus Gutenberg einen Kobold in seine Dienste gezwungen, der ihm täglich Geld und alles. was er sonst brauchte bringen mußte. Wenn der Kobold mit Geld oder auch Speisen und feinen Weinen beladen in die Tür trat, rief der Bauer ihm jedesmal zu: „Lad nur ab und hol mehr!“ Und wenn dem Kobold auch oft vor Anstrengung der helle Schweiß übers Gesicht lief, so mußte er sich doch gleich wieder aufmachen und erneut Geld heranschaffen. Eines Tages aber brachte er einen riesigen Sack voller Gold. Da rief der Bauer erfreut: „Lad ab und ruh aus! Das ist genug für heut und morgen.“

„So ist es auch für immer genug“, sprach der Kobold und lachte „Nun gnade dir, daß du mich hast ausruhen lassen. Jetzt bleib ich hier, bis ein Priester, der von aller Sünde frei ist, mich hinwegbannt. Wir wollen uns in die Stube teilen. Du bleibst auf dieser Seite und ich auf der anderen Seite. Und wenn du zur Tür hinausschlüpfen willst, dreh ich dir den Hals um.“

Da wurde dem Bauer sehr Angst, und er rief um Hilfe, so daß die Nachbarn zusammenkamen. Doch als sie den Kobold mit seinen funkelnden Augen in der Stube sitzen sahen, fürchteten sie sich und blieben draußen. Der Bauer erzählte ihnen sein Unglück und bat sie, ihm einen Priester zu senden, der den Kobold bannen sollte.

Nun kamen mehrere Jahre hindurch viele Priester, doch keiner konnte den Kobold vertreiben. Sobald einer auf die Türschwelle trat und seine Bannformel sprechen wollte, rechnete der Kobold ihm seine Sünden vor. Einmal jedoch war der Bauer seiner Erlösung sehr nahe. Da kam ein Priester, zu dem sagte der Kobold: „Du hättest fast Gewalt über mich. Du hast aber in deinem Leben doch eine Sünde begangen. Als Knabe hast du deiner Mutter ein Ei unter der Henne weggenommen, darum kannst auch du mich nicht bannen!“

So sitzt denn der Bauer noch heute mit dem Kobold in der Stube. Obwohl er nichts ißt und trinkt, kann er doch nicht sterben, sondern muß sitzen, bis ein Priester kommt, der frei von jeder Sünde ist und damit Macht über den Kobold hat.

Den Petersbergern zum Beispiel hätte ein Gold herbeischaffender Kobold auch nichts genützt, sie hatten ganz andere Sorgen. Darüber berichtet die folgende Geschichte.

Der Schwengelborn bei Nehlitz

Seit Jahrhunderten herrschte auf dem Petersberg Wassermangel. Wenn ein trockenes Jahr und ein harter Winter kam, dann schmolz der Wasservorrat des Brunnens am Nordhang des Berges, im sogenannten Baumgarten, schnell zusammen. Auch die Brunnen der umliegenden, Dörfer versiegten fast völlig. Dann mußte das Vieh aus dem Dorfteich getränkt werden, und die Bewohner erhielten je Familie aus dem spärlich fließenden Brunnen zwei Eimer Wasser pro Tag.

Die Bauern vom Petersberg und der nächstliegenden Dörfer machten sich daher auf und holten sich in großen Kübeln und Fässern das Wasser von der kräftig sprudelnden Quelle aus Nehlitz. Der Born war mit Bruchsteinen ummauert und eine Schwengelpumpe erleichterte das Absaugen des Wassers. Schäfer trieben ihre Herden zur Quelle und somit war diese Quelle auch bald als „Schafstränke“ bekannt.

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Eine Bohrung im Jahre 1930 auf dem Petersberg war nicht ergiebig genug. Der Anschluß an eine Versorgungsleitung von Nehlitz wurde nicht genutzt, da die hohen Baukosten den Wasserpreis auf 50 bis 60 Pfennig pro m3 erhöhten. Erst im Jahre 1953 blieb es nicht mehr bei Plänen. Im Rahmen des „Mach mit!“- Wettbewerbes wurde der Bau der Wasserleitung im Felsen durchgeführt.

Der Schwengelborn fließt heute noch. Kundige finden ihn zwischen wild wachsenden Sträuchern versteckt. Dort, wo ungefähr der Born fließt, noch etwas mehr dem Bergholz zu, erscheint uns von der Höhe des Petersberges aus die Landschaft heiter und lieblich. Und sie ist es auch. Wenn im Sommer das Korn reift, ist der Saalkreis von unbeschreiblicher Schönheit. Ein würziger Duft liegt dann über den Feldern. Das Jubilieren der Lerchen wird begleitet vom Gesumm der vielen Insekten.

In der Mittagshitze solcher Sommertage entsteht durch ungleichmäßige Erwärmung der Luft zwischen und über den Halmen der Getreidefelder eine geringe Luftbewegung. Obwohl sich ringsum in Baum und Strauch kein Blättchen rührt, bewegen sich die Ähren in sanften Wellenlinien.

Diese merkwürdige Erscheinung erklärten sich die Menschen in alten Tagen mit einem Mittagsgespenst, der . . .

Roggenmuhme

Dieses Gespenst schreitet um die Mittagszeit durch die Felder. Beim Durchschreiten setzt sie dann die Halme in leise wogende Bewegung. Einen Erntekranz schwingt sie dabei über den Ähren. Ihr Erscheinen läßt auf eine gute und fruchtbare Ernte hoffen. Die Kinder wurden aber gewarnt, nicht ins Korn zu gehen, um Feldblumen zu pflücken und dabei Ähren zu zertreten. Die Roggenmuhme würde die Kinder fangen, um sie zu bestrafen. In der Umgebung von Wettin ist es der Kornengel, vor dem die Kinder auf der Hut sein müssen. Gehen sie zu tief ins Korn, trägt sie der Kornengel fort, und nie wieder kehren sie zurück.

Roggenmuhme
Roggenmuhme

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Unsere Blicke schweifen nochmals über die Felder von Nehlitz. Etwas weiter rechts davon, reihen sich entlang der Gotsche, die Orte Frößnitz, Wallwitz, Teicha und Sennewitz. Die Felder oberhalb von Nehlitz werden von einem tiefen Graben durchschnitten, was man aber von unserem Berg aus nicht erkennen kann. Von den 160 Meter hohen Schurzbuschbergen bis hinunter nach Löbnitz, zwischen Nehlitz und Teicha, zieht sich der Graben. Es ist der

Teufelsgraben bei Nehlitz

Wenn der Teufel den Menschen Schaden zufügen kann, so tut er es. Einmal aber hat er sich verrechnet. Sein Werk brachte Frieden unter die Bewohner zweier verfeindeter Saalkreisdörfer. Das kam so:

Vor langer Zeit gab es oberhalb der Gemeinde Nehlitz, auf dem Weg in Richtung Kütten, noch ein kleines Dorf, Schortewitz. Aus unergründlichen Ursachen waren die Bewohner beider Dörfer so sehr verfeindet, daß es zu schweren Auseinandersetzungen kam. Grenzsteinversetzungen und gegenseitiger Landraub waren an der Tagesordnung. Nach einem Jahr der Mißernte beschuldigte man sich der Hexerei, und der Kampf entbrannte aufs heftigste. Als sich die Gemüter wieder etwas beruhigt hatten und man glauben konnte, die Vernunft habe endlich gesiegt, geschah etwas Ungeheuerliches.

Die Frühjahrsstürme tobten übers Land. Der Wilde Jäger zog noch einmal durch die Lüfte. Sein weithin schallender Ruf: Hede, hede, ließ die sonst so mutigen Bauern erschaudern. In einer dieser stürmischen Nächte bebte plötzlich die Erde. Funken stoben wie aus einem riesigen Schlund aus dem Inneren der Erde. Der Teufel fuhr aus der Hölle herauf. Er wollte sein Werk der Feindschaft zwischen den Nehlitzern und den Schortewitzern mit einem tiefen Graben zwischen den Dörfern krönen.

Mit einem riesigen Hakenpflug, den ein Gespann feuriger Rosse zog, pflügte er, daß sich dröhnend und krachend die Schollen auf beiden Seiten zu einem meterhohen Wall auftürmten. Die Rosse schnauften und sprühten schwefelgelbe Feuergarben aus ihren Nüstern. Unter ihren glühenden Hufen erbebte die Erde. Vom Schurzbach bis hinunter zur Drebsmühle bei Löbnitz zog der Teufel, wo er endlich prustend und zischend mit seinem Gespann im Mühlteich versank.

Wie starrten am anderen Morgen die Nehlitzer und Schortewitzer auf den tiefen Graben zwischen ihren Dörfern. Im Graben plätscherte lustig ein klares Wasser. Die Bauern getrauten sich aber an das Wasser nicht heran. Ein Name war bald gefunden: Der Teufelsbach im Teufelsgraben. 

Heimliche Grenzsteinversetzungen und gegenseitiger Landraub kamen nun nicht mehr vor. Der Streit um die Grenze war mit einem Schlag entschieden.

Eine Brücke über den Bach anzulegen, fiel aber den Bauern nicht ein. Die alte Feindschaft war noch nicht begraben.

An einem sonnigen Sommertage arbeitete ein junger Bursche aus Nehlitz auf dem Felde. Da ihn der Durst quälte und das kristallklare Wasser des Teufelsbaches lockte, überwand er sich und trank daraus. Als er wieder aufschaute, stand jenseits des Baches ein wunderhübsches Mädchen. Sie war die Tochter eines Schortewitzer Bauern. Sie schauten sich lange an, und der Funke der Liebe entzündete in beiden jungen Menschen ein helles Feuer. Der Bursche aus Nehlitz sprang beherzt über den Bach und holte sich die kleine Schortewitzerin als Braut heim nach Nehlitz. Die Jugend hat das Eis der Feindschaft gebrochen. Bald war die letzte Schöne des mädchenreichen Schortewitz von den Nehlitzer Burschen geheiratet. Der Teufel aber hat sich geschworen, nie wieder zu pflügen.

Verschwunden ist der Teufel nicht. Die Freude, Böses zu tun, gibt es auch heute noch. Das ist aber die selten gewordene Ausnahme. Allen Menschen, denen wir bei unseren Nachforschungen nach Geschichten und Sagen begegneten, kamen uns freundlich und hilfsbereit entgegen.

Der Teufel muß ja in alten Zeiten ungeheure Kräfte gehabt haben. Wie konnte er sonst die gewaltigen Steine vom Petersberg nach den Kirchen der Dörfer des Saalkreises geworfen haben? Man stelle sich vor: ein Fels, mehrere Tonnen schwer, wird von ihm angehoben, wobei sich seine Klauen tief darin abdrücken, und dann wirft er ihn mit großer Wucht kilometerweit. In Sennewitz, einem ruhigen Dorf in der Nähe von Gutenberg, liegt neben der Kirchhofsmauer, am Straßenrand solch ein Stein. Es ist

der Teufelsstein zu Sennewitz

In Sennewitz liegt seit urgedenken dieser gewaltige Fels, ein Überbleibsel aus der Eiszeit. Von dem, was herausragt, soll noch vier- bis zehnmal soviel in der Erde stecken. Für heidnische Bräuche diente er als Opferstein.

Manche ältere Bürger aus Sennewitz erinnern sich aber einer Sage. Da soll, als der Teufel noch ungehindert durch die Lande ziehen konnte und sich nach einem seiner Streifzüge auf dem Petersberg ausruhte, sein Blick über das liebliche Land an der Saale gegangen sein. Dabei ärgerte ihn der Anblick der friedlichen Dörfer und der Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen. Er sammelte riesige Felsblöcke und warf nach den Dörfern.

Als Ziel suchte er sich die höchsten Bauwerke, die Kirchen aus. So landeten diese Steine in Gimritz, Wettin, Hohenthurm, Gütz und schließlich in Sennewitz. Getroffen hat der Teufel allerdings nichts. Nur der Stein, der mit ohrenbetäubendem Lärm dicht neben der Kirche in Sennewitz niederging, verursachte durch den Aufprall einen gewaltigen Riß im Bauwerk, der noch heute zu sehen ist. Im Stein aber sind immer noch die Krallenabdrücke des Teufels zu erkennen.

Wie die älteren Einwohner weiter zu berichten wissen, soll unter der Kirche ein wertvoller Schatz verborgen sein.

Der Teufelsstein zu Sennewitz
Der Teufelsstein zu Sennewitz

Die Sage von der goldenen Gans

In alter Zeit, als man noch an Wunder glaubte und die Leute arm waren, hörte man begierig geheimnisvolle Geschichten von vergrabenen Schätzen, von Tannenzapfen, die zu purem Gold wurden, von Wichteln und Feen, die wertvolle Dinge schenkten, und anderen wunderlichen Sachen, die der Not Abhilfe verschaffen sollten.

In Sennewitz erzählte man sich von einem unterirdischen verborgenen Gang direkt unter der Kirche. Dieser Gang sei ausgeschmückt mit lauter Edelsteinen. Auf einem goldenen Nest süße eine goldene Gans und brüte zwölf goldene Eier aus. Wer eines der goldenen Eier holen könnte, habe für Lebzeiten sein Glück gemacht. Der Zugang zum unterirdischen Gang ist aber keinem einzigen Menschen bekannt gewesen.

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Wertvolle Schätze gibt es aber tatsächlich in unserem Kreis. Das sind die Leistungen der Menschen, die in der Landwirtschaft, der Industrie, im Handel und jeder an seinem Arbeitsplatz ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Blickt man in Richtung Halle, so ahnt man das emsige Schaffen der Werktätigen in den einzelnen Industriezweigen durch den aufsteigenden Rauch aus vielen Schornsteinen. Die bearbeiteten und gepflegten Äcker im Umkreis sind ein sichtbares Zeugnis vieler fleißiger Bauern.

Auch Bergleute gab es im Saalkreis. 1967 endete der Bergbau im Steinkohlebergbau Plötz. Von Plötz zogen sich die Flöze bis Wettin und Dölau. Bei Nietleben und Zscherben gab es Braunkohlegruben. Einschüchterung und Angst war ein Mittel, die Kumpel in früheren Zeiten zu immer größeren Leistungen anzutreiben.

Eine Sage ist typisch dafür.

Der Berggeist von Zscherben

Die Bergleute der ehemaligen Kohlegruben bei Zscherben gingen oft bangen Herzens an ihre Arbeit. Eine unbedachte Äußerung über die Schwere ihrer Tätigkeit oder über die mieserablen Arbeitsbedingungen unter Tage, rief den Zorn eines Berggeistes hervor. Dieser trieb hier sein Unwesen. Der Berggeist zeigte sich unvermittelt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er trug große Stulpenstiefel, gelbe lederne Hosen und Blechhandschuhe, an denen vorn spitze Haken wären. Wer ihn durch eine abfällige Bemerkung über die Grube erzürnte, bekam eine Ohrfeige. Die Spuren der spitzen Haken an den Blechhandschuhen blieben für immer im Gesicht des Bergmannes sichtbar.

Eine Geschichte aus Zscherben verdient noch erwähnt zu werden. Ist es Sage oder Wahrheit? Diese Geschichte erzählt aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Gerechte Strafe für einen Räuber

Die Bewohner der Saalkreisdörfer hatten im Dreißigjährigen Krieg unter den fremden Kriegsknechten besonders zu leiden. Ausgeplündert und all ihrer Habe beraubt, auch Vieh und Kornvorräte, so lebten sie dahin, mut- und kraftlos. Manchmal war monatelang Ruhe, und die Bauern und Handwerker schöpften erneut Hoffnung. Sie bestellten ihre Äcker. Brot wurde gebacken und was zerstört war, wurde wieder aufgebaut. Doch neue Horden der Kriegssoldateska brachen in die Dörfer ein, und das Leid begann von neuem. 

An einem Sonntag, zu Anfang des Jahres 1636, die Wallensteinschen Kriegshorden waren vor Wochen weitergezogen, fand nach langer Zeit wieder eine Veranstaltung in der Zscherbener Kirche statt. War es eine Hochzeit oder Taufe? Plötzlich war Lärm an der Pforte. Ein schwedischer Reiter in voller Rüstung war wohl allein auf Raub ausgezogen und hatte versucht, mit seinem Pferd in das Kircheninnere einzudringen, um diese zu plündern. Dabei hatte er nicht bedacht, daß die Pforte sehr niedrig war. Er rannte sich den Kopf ein und fiel tot zu Boden. Die Bürger sahen das als eine gerechte Strafe an.

Wahrscheinlich hat sich dieses oder ein ähnliches Ereignis während des Dreißigjährigen Krieges in Zscherben abgespielt. Man erzählt sich noch heute davon. Diese Geschichte wird aber an ein Relief aus Stein geknüpft, welches neben der Kirchpforte eingemauert ist. Angeblich soll es zum Gedenken an diese Begebenheit gefertigt sein. Das stimmt allerdings keineswegs, der Stein ist viel älter. Er stellt einen Reiter mit Helm dar, in der Rechten hält er ein riesiges Schwert. Über ihm befindet sich ein Kreuz zwischen eingeritzten Ranken. Die Zeit seiner Entstehung ist das 11. Jahrhundert. 

Was dieser Stein bedeutet und warum er liegend an der Kirchenmauer eingelassen wurde, kann man nicht mehr ergründen. Er scheint jedoch ein Bestandteil der ältesten Zscherbener Kirche gewesen zu sein und an die Christianisierung der Heiden in diesem Gebiet zu erinnern.

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Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges sind nun das Gesprächsthema zwischen meiner Frau und mir. Angst, Hunger, Schrecken und Mutlosigkeit hatte sich damals überall verbreitet. Wir unterhalten uns über die Schicksale der Menschen damaliger Zeit. Einen Ruheplatz haben wir auf der Westseite des Petersberges gefunden. Es ist

der Brautstein

Ein etwa drei Meter langer Porphyrblock, wenige Schritte westlich vom Turm der Kapelle, wird der Brautstein genannt. Jungvermählte pflegten sich auf ihn niederzusetzen, wenn sie nach der Trauung die Kirche verlassen hatten.

Unser Blick geht von dieser Stelle aus in Richtung Domnitz, Dornitz und Rothenburg und schweift hinüber zum Saaletal nach Wettin.

Ein typisches Beispiel der schlimmen Zeit des Dreißigjährigen Krieges gibt eine Geschichte kund, die sich in den Wäldern um Dornitz zugetragen hat. Sie ist gleichzeitig auch Hoffnung in jener Zeit der tiefsten Demütigung der Saalkreisbewohner.

Hüttenmeister Jochen Thim zu Dornitz

Ein trügerischer Frieden lag über den Dörfern des Saalkreises. Das Jubilieren der Lerchen über dem heranreifenden Korn konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es im Lande brodelte. Fremde Kriegsknechte zogen durch; Räuberbanden machten die Straßen unsicher.

Man schrieb das Jahr 1621, als der Administrator des Erzstiftes Magdeburg, Christian Wilhelm, Sohn des Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg, den Kupferschieferbau in Rothenburg, Wettin, Könnern, Dobis und Döblitz wieder instand setzen ließ, um Schiefer zu brechen. Die alte Bachmühle am Sixtbach bei Dornitz erwarb er für 2000 Gulden vom Bachmüller Melchior Dorn und ließ diese zu einer Schmelzhütte ausbauen. Am 25. Februar 1622 fing man an zu schmelzen.

Einen der besten Hütten- und Schmelzmeister ließ der Administrator aus Eisleben kommen. Es war Jochen Thim, ein Mann von kräftiger Statur, immer fröhlich und zufrieden und freundlich gegenüber seinen Untergebenen.

Bald heiratete er Sabine, die Schwägerin des Richters Lorenz Zorn aus Dalena, und das Glück schien vollkommen. Es gab aber einen üblen des Landes verwiesenen Burschen, Jürgen Pfeiffhaus, der Raubjäger genannt. Dieser hatte ein Auge auf Sabine geworfen. Ehe er aber aus dem Blickfeld verschwand, drohte er Jochen Thim und allen Leuten aus Dornitz, Domnitz und Dalena furchtbare Rache.

Als die Soldateska Wallensteins ins Land fiel, hatte er sich dieser angeschlossen und raubte bei einem Überfall in der „Hölle“ zwischen Morl und Beidersee Sabine, die Frau Jochen Thims. Beide waren vor den Wallensteinschen auf der Flucht nach Eisleben. Der Hüttenmeister wurde zusammengeschlagen, und man ließ ihn liegen. Erst nach vielen Stunden kam er zu sich.

In der versteckten Hütte, in den Wäldern zwischen Dornitz und Domnitz, sammelte Thim seine Hüttenleute und organisierte einen bewaffneten Widerstand gegen die plündernden und mordenden Banden. Immer aber auf der Suche nach seiner Frau. Sabine wurde unter erbärmlichen Bedingungen vom Raubjäger Jürgen Pfeiffhaus in Löbejün gefangengehalten.

Ein mitleidiger Junker, Joachim von Köhler, befreite sie aufgeheimnisvolle Weise. Sabine, abgemagert, dem Tode nahe schleppte sich zu ihrem Mann in das Versteck bei Dornitz.

Der Hüttenmeister hatte aber noch keine Ruhe. Wo er mit seinen Leuten den Raub- und Mordbanden begegnete, bekämpfte er sie. Eines Tages erfuhr er von einem geplanten Überfall auf die Mühle bei Dornitz. Der Raubjäger war der Anführer. Sofort machte er sich mit seinen Hüttenleuten auf und vernichtete dort die ganze Bande. Sein ärgster Feind war nun tot.

Die Pest wütete jetzt im ausgeplünderten, trostlosen und tot daliegenden Saalkreis. Löbejün zählte nur noch 300 Einwohner. ln Domnitz waren es nur noch 15. Zu dieser Zeit gebar Sabine einen Sohn. Kurze Zeit darauf stand die Hütte im Dornitzer Wald für immer leer. Der Hüttenmeister war mit seiner Frau und seinem Sohn fortgegangen.

Sein ehemaliger Hüttenjunge aus Dornitz behauptete, seinen Hüttenmeister lange nach Beendigung des Krieges in Eisleben getroffen zu haben. Dieser aber hat ihn nicht erkennen wollen und hat auch gesagt, er wäre nicht Jochen Thim. Doch lud er den ehemaligen Hüttenjungen Andres zu sich in sein Haus ein. Söhne und Töchter empfingen Andres. Die Hausfrau war vor Jahren gestorben. Nun ließ sich der greise Mann aus Eisleben von den Geschehnissen im Saalkreis berichten. Aufmerksam hörte er zu.

„Ich schwöre es“, sagte der nun alte Hüttenjunge, wenn er diese Geschichte im Krug von Möderau, der dicht neben seinem Hofe lag, erzählte, „es war unser Hüttenmeister und kein anderer.“ 

Die Straße, die Jochen Thim mit seiner Familie damals zur Flucht benutzte, war eine der gefährlichsten Straßen. Besonders dort, wo er überfallen wurde, diese Stelle nannte man die Hölle.

Die Hölle

Zwischen Morl, Möderau und Beidersee lag bis um das Jahr 1000 ein großer und tiefer See. Als dieser mit der Zeit abgeflossen,

blieb ein tiefer Morast zurück, von dem die Dörfer Morl (Moortal) und Möderau (Moderaue) ihre Namen erhalten haben. In diesem Moor entwickelte sich ein wilder Wald, durchsetzt von vielen Sümpfen.

Östlich durchzog das Moor die Straße nach Magdeburg und Halberstadt. Mit Steinen und Baumstämmen befestigt, versank diese Straße aber immer wieder im Morast bei Schneeschmelze und Regengüssen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts gab es noch Wölfe und Bären in dieser Gegend. In diesem Sumpfwald lauerten Diebe, Räuber und anderes Gesindel, um Vorüberfahrenden ihre Habe abzunehmen und sie auch umzubringen. Dieser Teil der Straße erhielt daraufhin den Namen „Hölle“. Fuhrleute machten lieber einen großen Umweg.

Seit 1589 versuchte man den Weg durch die „Hölle“ besser zu befestigen. Es war aber vergebens. Spätere Entwässerung führte dann allmählich zu festerem Untergrund. In den Jahren 1795 bis 1800 wurde dann diese alte Heerstraße zur Magdeburger Chaussee ausgebaut. Damit war die Gefährlichkeit der „Hölle“ ein für allemal verschwunden.

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Viele Geschichten, Sagen und auch Volksbräuche gehen von diesem Lande, heute einem so friedlichen Lande aus. Wie Spielzeug verstreut liegen die Häuser unter uns. Es ist alles so ruhig und doch pulsiert das Leben überall, in allen Gemeinden, ein Leben friedlichen Schaffens.

Eine Taube streicht von den Ruinen ins Tal hinab. Ihr sanfter Flügelschlag klingt in die Musik des windigen Tages. Sind wir der hilfreichen Fee begegnet, der Fee der Fruchtbarkeit, der Fee der zwölf Nächte? Nur zu dieser Zeit erscheint sie, die…

Feentaube

In den „Zwölf Nächten“, zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, hörte man in der Nacht oft ein wunderbares Rauschen in der Luft. Es kam von Diemitz, einem heutigen Stadtteil im Nordosten von Halle, und zog über die nördlichen Dörfer des Saalkreises. Den Bauern war dieses Rauschen wohlbekannt, und sie freuten sich, weil ein fruchtbares Jahr darauf folgte. 

Eine Frau von großer Schönheit verwandelte sich zu dieser Zeit in eine Taube. Diese flog über die Felder und Dörfer. Das Rauschen ihres Flügelschlages war weit zu hören. An den Füßen trug die Taube ein kleines Stühlchen, welches aus feinem Rohrschilf geflochten war.

Wo sie entlang flog, gedieh die Ernte wie nie zuvor. Besonders dort, wo sich die Taube niederließ, um sich auf dem Stühlchen auszuruhen, grünte und blühte es im folgenden Sommer besonders gut.

Am Morgen des Dreikönigstages, mit dem Licht der aufgehenden Sonne, wandelte sich die Taube wieder zur Feengestalt der schönen Frau. Und im Dämmerschein des winterlichen Abends verschwand sie und ward das ganze Jahr nicht mehr gesehen.

Eigentlich sollte man nach dieser schönen Sage nicht mehr an den Teufel denken. Aber diese Höllengestalt ist ja in früheren Zeiten nur so in der Gegend herumspaziert. Kein Wunder. wenn der Petersberg sein Zuhause war. Gekannt hat er auch alle und jeden und Wetten mit ihnen abgeschlossen. Meist verlor er allerdings dabei.

Die Teufelsstufe

Sie erzählt von einer Wette. die der Teufel gewann. In der wüsten

Feldmark Denitz zwischen Domnitz und Neutz bei Wettin liegt in der „Güldenen Breite“ ein großer Stein. Der Teufel soll ihn dort hingelegt haben. Und das kam so:

Um sein Können und seine Macht im Gebiet um den Petersberg zu beweisen, wettete er mit einem heiligen Mann, daß er von dieser Stelle aus nur einen Schritt bis zum Petersberg brauche. Der heilige Mann hat nicht erkennen lassen, ob er dem Teufel glaubte oder daran zweifelte. Er ließ ihm seinen Spaß. Mit einem gewaltigen Schritt war der Teufel auf dem Petersberg. Den Stein hat er als Wahrzeichen für diese Anstrengung hinterlassen.

In der Nähe der Stelle, wo der Teufel diesen Stein hingelegt hat, befindet sich die Gemeinde Neutz. Wir haben wunderschöne Erinnerungen an dieses schöne Dorf. Es sind die Erinnerungen an eine Wanderung im vergangenen Sommer. Inmitten von fruchtbaren Feldern, etwas versteckt, liegt diese Gemeinde. Wir besuchten das freundliche Neutz, um den Spuren einer merkwürdigen Sage nachzugehen.

Von Wettin kommend erreichten wir Neutz bei drückender Mittagshitze. Am Ortseingang zieht sich auf der rechten Seite ein etwa 6 Meter hoher Hang parallel zur Straße hin. Robinien spenden einen angenehmen Schatten. In der Grasmatte des Hanges zeigt sich hier und dort das darunterliegende Porphyrgestein. Über den Feldern links der Straße summten die Bienen und gaukelten Schmetterlinge. Ein Traktor tuckerte in einem Gehöft und dazwischen hörte man das langgezogene Gaag, Gaag einiger Hühner, eine friedliche Dorfstimmung.

Die unter Denkmalschutz stehende Kirche aus dem 14. Jahrhundert war unser Ziel. Dort soll sich um 1305 eine eigenartige Geschichte beim Bau der Kirche abgespielt haben. Es ist die Geschichte vom…

Fortsetzung folgt…

In einem anderen Buch habe ich diese Sage/Erzählung aus Brachwitz gefunden. (Siegfried Neumann – Sagen aus Sachsen-Anhalt)

Der Brand von Brachwitz

Das edle Geschlecht der Herren von Zimmern saß schon seit dem fünfzehnten Jahrhundert auf dem Dorfe Brachwitz an der Saale unterhalb Halle. Einer des Geschlechtes, Valentin von Zimmern, hatte den Rittersitz aus Liebe zu seinem jüngerem Sohn in einen Oberhof und Unterhof geteilt. Dieser jüngere Sohn Hermann erhielt also den Unterhof.

Aber es sollte ein Schaden für das ganze Dorf werden. Denn einst wollte er einen Keller auf seinem Gutshofe ausbrennen. Doch das Feuer griff um sich, entzündete die Holzbauten und Strohdächer des Hofes, und bald stand der ganze Hof in Flammen, ohne daß einer Hilfe bringen konnte, dann der Oberhof, zuletzt das ganze Dorf. Das Pfarrhaus brannte nieder, in ihm alle Akten, und selbst die Kirche wurde nicht verschont.

Hermann von Zimmern musste aber als Schadenersatz zwei Hufen an den Oberhof abtreten. Und da er nun arm geworden, auch sonst liederlich gewirtschaftet, auch keine Kinder hatte, hat er bald darauf den Unterhof verkauft, ist in die Ferne gegangen und verschollen. So hatte die Liebe des Vaters zu diesem mißratenen Sohn ihm und dem ganzen Dorfe nur das größte Unglück gebracht.