Die Fähre Brachwitz

Fähre Brachwitz

Der Saaleübergang in Brachwitz

Ein Bericht von Hans Dieter Paul, erschienen im Heimat Jahrbuch 1995.

Flüsse bilden seit Menschengedenken ein natürliches Hindernis, eine Grenze. Die Überwindung dieser Hindernisse war oft sehr beschwerlich. Auch heute noch sind Flüsse für den rollenden Verkehr ein Hemmnis. Durch das Eingreifen des Menschen ist auch unsere Saale schmaler geworden. Der Flußverlauf wurde begradigt, die Nebenarme und Inseln verschwanden. Im Bereich des Flußüberganges in Brachwitz ist die Saale heute etwa 85 Meter breit.

Fähre Brachwitz

Letzte Fahrt der Fähre Brachwitz — Im Hintergrund die Pontonbrücke

Seit Menschengedenken gibt es auch Versuche, diese Flüsse zu überwinden, sei es, um mit den Menschen auf der anderen Uferseite Handel zu treiben, oder auch, um die Gebiete jenseits zu erobern.

ln urgeschichtlicher Zeit gab es um Brachwitz herum schon eine Besiedlung, die Slawen kamen Jahrhunderte später und bauten einen Burgwall. Ein fränkisches Kastell lag auf der anderen Seite der Saale (Lettin) wohl in Rufweite. So ist es ganz natürlich, es einen „regen“ Verkehr über den Fluß wohl gegeben hat. 1297 wurde Brachwitz als Brachwiz erstmals urkundlich erwähnt. Wann nun das erste Mal eine ständige Fährverbindung über die Saale aufgenommen wurde, wird wahrscheinlich für immer ein Geheimnis bleiben. Es hat sie aber gegeben, diese Verbindung.

So berichtet die Brachwitzer Pfarrerchronik von 1820: „Zu Michaelis (29. September) kam die neue Fähre in Brachwitz an. Holz und Kohle können frei überfahren werden. Vorher wollten die Fährleute von Wettin und Giebichenstein nicht dulden, daß Kohlen überfahren wurden.“ (Heide Bote, Nr. 42, 10.10.1933) Jahrzehnte später wurde aus den Kaolingruben zwischen Morl und Brachwitz mit Pferdefuhrwerken Kaolin über die Fähre nach Dölau bzw. Salzmünde in die Schlämmerei gebracht. Um 1900 war der Domänenpächter Carl Wentzel Eigentümer dieser Gierfähre. Die Fährleute hatten eine besondere schwere Arbeit zu verrichten, wenn Hochwasser war oder ein starker Wind wehte. Jahre später, 1919, sind die Fährleute Eigentümer dieser alten Gierfähre geworden, seit den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts übten diese schwere Tätigkeit Männer aus der Familie Saalbach aus. Die Reparaturkosten für diese alte Fähre wurden jedoch immer höher. Auch für den zunehmenden Autoverkehr erwies sie sich nicht mehr als geeignet.

Neben der Fähre gab es noch einen Fährkahn, welcher mit Ruder und Staken bedient wurde, für den Personenverkehr. Auch die Fähre mußte wie der Fährkahn an einem Seil hängend mit Staken zur anderen Seite gebracht werden.

Die Gemeinde suchte nach einer Lösung. Der Lehrer Walter Lemme hat in der Schulchronik die Lösung für die Nachwelt aufgeschrieben: „Im Jahre 1929 hat die Gemeinde mit Unterstützung des Kreises und der Provinz ein großes Werk durchgeführt, den Brückenbau. Als im Jahre 1928 durch Bau einer festen Brücke die Schiffbrücke in Mukrena frei geworden war (sie diente als Übergang Alsleben—Mukrena d.V.)‚ kaufte die Gemeinde Brachwitz diese für 13 500 RM. Nachdem Kreis und Provinz ihre Unterstützung zugesagt hatten und die behördliche Genehmigung eingegangen war, begannen nach Ostern die Aufbauarbeiten in Brachwitz. Durch Bau von Anfahrrampen, Verarbeitung neuer Balkenlager‚ Aufbesserung der Pontons und Einrichtung einer elektrischen Aus- und Einfahrt (im Gegensatz zu Mukrena d.V.) erhöhten sich die Kosten des Brückenhauses auf 70000 RM. Am 13. Juli konnte die Brücke dann nach Abnahme durch die Vertreter der Behörden eingeweiht werden. Die Brücke war an diesem Tage reich mit Flaggen und Girlanden geschmückt. Endlich war Brachwitz aus seiner Abgeschlossenheit heraus. Die Brücke wurde erstmalig für den Preis von 8400 RM an den Schiffer Willig-Wettin für die Zeit vom 13. Juli 1929 bis 31. März 1930 verpachtet.”

Um die Pacht hatten sich sechs Interessenten beworben, drei kamen aus Wettin, einer aus Diemitz und aus dem Ort selbst Friedrich Saalbach. In den Unterlagen der Gemeinde ist jedoch die Pachtsumme mit 7000 RM angegeben.

An dem 13. Juli 1929, dem Einweihungstag, es war ein Sonnabend, war die Benutzung der Pontonbrücke kostenlos. Ein Brückenbuch gibt Zahlen für die Benutzung der Brücke am folgendem Tag, dem Sonntag, wieder: 2 leichte Fuhrwerke, 1 Handwagen, 165 Fahrräder, 36 Zweisitzer-PKW, 75 Viersitzer-PKW, 110 Motorräder mit Sozius, 14 Motorräder ohne Sozius und schätzungsweise 1 500 Personen. Viele Menschen benutzten diesen Sonntag bestimmt zum Ausflug nach Dölau, in die Dölauer Heide oder in das bekannte Bad Neuragoczy.

Die Brücke bestand aus Pontons, über die Bohlen gelegt waren. Um den Schiffsverkehr zu gewährleisten, konnten einige Pontons im Bereich der Fahrrinne herausgefahren werden. Ebenfalls konnte die Brücke bei Hochwasser an das Ufer gebracht werden. Die Benutzer der Brücke mußten eine Gebühr bezahlen.

Mit der Errichtung dieser Brücke wurde ein wichtiges Verkehrshindernis beseitigt. Besonders für das naheliegende Bad Neuragoczy mit seinen Ruderregatten und anderen Vergnügungen war diese Brücke von großer Bedeutung.
Am 8. März 1930 wurde die Brücke neu verpachtet, den Zuschlag erhielt dieses Mal der Brachwitzer Bürger Friedrich Saalbach. Die jährliche Pachtsumme belief sich jetzt auf 10200 RM. Die Brücke blieb in der Folgezeit beim Pächter Saalbach.
Der zweite Weltkrieg brachte auch für den Ort Brachwitz einen großen materiellen Verlust. Am 13. April 1945 sprengte der Volkssturm beim Heranmarsch amerikanischer Truppen sinnlos die Brücke und zerstörte sie völlig. Ebenso sinnlos verloren 9 Volkssturmmänner ihr Leben. Die Brücke, 19/27 des Wertes gehörten der Gemeinde und 8/27 dem Saalkreis, hatte nach dem Antrag der Gemeinde auf Entschädigung für einen durch Kriegseinwirkungen entstandenen Schaden einen Wert von über 58000 RM. Viel schlimmer aber war, daß die Verbindung zum anderen Ufer zerstört war. Eine Lösung mußte wiederum gefunden werden.

Am 10. Juni 1945 bereits fand in Brachwitz ein Ortstermin wegen der Wiederherstellung der Schiffsbrücke bzw. Schaffung einer Fähre statt. Daran nahmen teil: Dipl.-Ing. Enger vom Landesbauamt, Dipl.—ing. Strauch von der Firma Dyckerhoff & Widmann, Kreisbaurat Besecke, Bürgermeister Hering, Brückenpächter Saalbach, Ing. Vopel von der Firma Grieseler in Mukrena.

Zu diesem Zeitpunkt gab es eine behelfsmäßige Fähre aus zwei Schuten. Der Fährbetrieb war jedoch sehr mühsam, da die Schuten hoch aus dem Wasser ragten und dem Wind einegroße Angriffsfläche boten.

Folgendes Ergebnis wurde an diesem 16. Juni erreicht: „Wenn wegen der hohen Kosten und wegen der vorhandenen Materialbeschaffungsschwierigkeiten eine Schiffsbrücke nicht gebaut werden kann, so wird es sich empfehlen, anstelle der behelfsmäßigen jetzigen Fähre sobald als möglich eine ordnungsgemäße Einheitsflußfähre zu schaffen. Die Einheitsflußfähre könnte sofort von der Firma Grieseler in Mukrena in
Angriff genommen werden. Die Kosten betragen 16000 RM für die betriebsfertige Anlage.“ (Protokoll vom 20. 6. 1945)

In einem Schreiben der Firma Grieseler vom 21. August 1945 heißt es, daß die eiserne Gierfähre (ungefährer Fertigpreis ca. 18000 RM) bereits in Bau sei und baldigst fertiggestellt sein wird.

Die Amtlichen Mitteilungen der Stadtvemaltung Halle (Saale) teilten am 19. Januar 1946 mit: „Die Fähre über die Saale bei Brachwitz ist ab 16. Januar auf etwa eine Woche gesperrt.“ In dieser Zeit muß die neue Fähre in Betrieb genommen worden sein. Damit war die Isolierung des Ortes vorbei. Diese Fähre, etwa 18 Meter lang und 6 Meter breit, hatte eine Tragfähigkeit von 28 Tonnen. Der Gesamtpreis der Fähre betrug dann 20020 RM.

Im Winter 1946/47 konnte auf die Fähre verzichtet werden, da die Saale so stark zugefroren war, daß Fuhrwerke sie auf dem Eiswege überqueren konnten.

Bis 1961 wurde die Fähre durch Staken der Fährleute und die Strömung des Flusses zum anderen Ufer gebracht. Dann übernahm ein Dieselmotor die schwere Arbeit. Auch der Fährkahn wurde bis 1970 am Fahrseil mit der Hand gezogen. Ein kleiner Motor löste dann die Handarbeit ab. Später wurde dann nur noch mit der Fähre gefahren.

Die Pachtung der Fähre hatte wieder Friedrich Saalbach übernommen. Sein Sohn Fritz stand ihm zur Seite. Beide Saalbachs waren weit über den Saalkreis hinaus bekannt. Nach dem Tod von Friedrich Saalbach in den siebziger Jahren
ging die Fähre wieder in die Hände der Gemeinde zurück.

Fährmann Fritz Saalbach im August 1985

Sein Sohn Fritz blieb der Fähre als Fährmann jedoch treu. Über 40 Jahre war er der Brachwitzer Fähre und der Saale verbunden. Mit seinem Tode 1987 ging auch eine über 100jährige Familientradition zu Ende.

Die Fähre war damals das billigste Verkehrsmittel. Eine Fahrt zum anderen Ufer kostete für eine Person, einen Hund oder eine Ziege nur fünf Pfennige.

Aber der Zahn der Zeit hatte an der Fähre genagt. Sie war altersschwach geworden. Über 40 Jahre tat sie ihren Dienst. lm Januar 1990 kam dann die neue Fähre. Ihr stattlicher Preis betrug 1 Million DDR-Mark. Knapp 2/3 der Summe wurde noch mit DDR—Geld bezahlt. Für die Kosten brauchte die Gemeinde jedoch nicht aufzukommen.

Seit 1994 ist die Fähre an die Firma Schuster verpachtet. Die Fähre tut brav ihren Dienst, ja, wenn da nicht mal das Hochwasser wäre oder ein LKW über die Fähre hinaus in die Saale rollt (so geschehen Anfang Dezember 1994, als ein mit Spreewaldgurken beladener LKW in die Fluten versank). Machen Sie doch einmal wieder einen Ausflug in die Brachwitzer Alpen und eine Fahrt mit der Brachwitzer Fähre über die Saale.

Wir laden Sie ein.

 

 

Quelle: Hans Dieter Paul, Heimat Jahrbuch Saalekreis 1995

Originalbilder:

 

Ortsmuseum Brachwitz

Anmerkung der Redaktion: Leider gibt es das Museum nicht mehr in seiner beschrieben Form.

Neu in Brachwitz: Das Ortsmuseum

Anläßlich der 700—Jahrfeier 1997 wurde im Gebäude des Gemeindeamtes im Ort Brachw1tz eine museale Dauerausstellung eröffnet. Die Bodenräume der ehemaligen Schule lagen ungenutzt. Durch einen Beschluß der Gemeindevertretung war die finanzielle Möglichkeit gegeben. dort auszubauen. Der Boden bekam eine neue Dielung und eine Dachdämmung. Durch den Einbau einer Wendeltreppe ist nun auch der Spitzboden zugänglich. Die elektrische Anlage wurde erneuert bzw. erweitert. Die meisten Arbeiten erledigten ABM-Kräfte. Dem Museum stehen somit drei Räume zur Verfügung. lm großen sind u. a. thematische Sammlungen zur Landwirtschaft. zu ländlichem Haushalt, Korbmacherei. Schule und Feuerwehr zu sehen. Hier befinden sich auch Originale der Ortsgeschichte; so die Schulchronik von 1873 bis ‘1950, das Schulstrafenbuch, Finanzberichte von Mitte des vorigen bis Anfang unseres Jahrhunderts, Registrierungsunterlagen der Bevölkerung durch die amerikanischen Truppen 1945 und manches mehr. Weiterhin sind dort viele historische Aufnahmen des Ortes zu entdecken. Hier können die einzigartigen Bilder der 1945 gesprengten Pontonbrücke über die Saale betrachtet werden. Es war schon ein Erlebnis, als eine der ältesten Bürgerinnen beim Besuch ihr Hochzeitsbild erblickte

lm Spitzboden sind hauptsächlich technische Exponate ausgestellt. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Funktechnik. lm dritten Raum stehen drei Vitrinen mit kleinen Gegenständen aus vorgeschichtlicher Zeit bis hin zur Gegenwart Hauptsächlich befinden sich hier aber Exponate aus den Jahren seit 1945. Historische Landkarten, Originaldokumente der DDR—Gründung., der Originalentwurf des ersten Fünfjahrplanes mit Ulbrichts Unterschrift bilden den Mittelpunkt. Hauptsächlich wird natürlich Material über den Ort gesammelt, aber auch anderes ist ausgestellt oder im Depot gelagert. Drei Schriften und eine Luftbildkarte können von den Besuchern käuflich erworben werden. Die drei Mitarbeiter, die Freizeitmuseologen sind, zeigen natürlich gern den Besuchern die Sammlung. Da es keine ständigen Öffnungszeiten gibt, ist eine Anmeldung unter der Telefonnummer 03 45/5 50 92 XX oder über das Gemeindeamt (03 45/5 50 43 XX) notwendig. Auch für einzelne Personen oder kleine Gruppen sind Führungen möglich. Andere Öffnungszeiten werden über die Presse veröffentlicht. ln den Räumen des Ortsmuseums gibt es auch weitere Veranstaltungen und Sonderausstellungen. Empfohlen wird die Ausstellung den Schulklassen, da es ein „Museum zum Anfassen“ ist. Dank muß allen Bürgern gesagt werden, die uns unterstützen und auch Exponate zur Verfügung stellen. Zur Zeit wird eine Feldschmiede restauriert. lm Sommer können dann ,.Schmiede“ ihr Glück versuchen. Sie waren noch nicht bei uns? Dann kommen Sie, wir freuen uns auf lhren Besuch!

Quelle: Heimat Jahrbuch Saalekreis 1998

Oberamtmann Carl Wentzel

HANS-DIETER PAUL

Oberamtmann Carl Wentzel — 125. Geburtstag *

lm Hauptregister des Standesamtes Brachwitz wurde am 11. Dezember 1876 unter der Nummer 68 vom Domänenpächter Friedrich Phillipp Karl Ludwig Wentzel die Geburt seines in Brachwitz am 09. Dezember 1876 geborenen Sohnes angezeigt. Die Mutter,
Margaretha Sophia Emma Wentzel geb. Becker. hatte den Jungen um vier Uhr vormittags zur Welt gebracht. Seine Vornamen K(C)arl Phillip Emil Kurt erhielt der Sohn erst am 2. Februar 1877.

Die Wentzels hatten die preußische Domäne Brachwitz seit 1811 in Pacht. @ Nach Besuch des Naumburger Domgymnasiums und Studium der Rechte und der Landwirtschaft in Lausanne übernahm Carl 1904 den Betrieb. (3)

Die Brachwitzer Schulchronik vermeidet für das jahr 1905 den Umbau des Wohngebäudes der Domäne:

‚.Der Domänenpächter Leutnant Wentzel beabsichtigt seine Braut, Tochter des Amtsrates v. Zimmermann – Salzmünde, als Gemahlin heimzuführen. Mit seinem pustenden Auto ist er in ein paar Minuten in Salzmünde.“ Im August des folgenden Jahres zog die Gemahlin in Brachwitz ein. 

Nach dem Tode seines Vaters 1907 übernahm Carl Wentzel die Leitung des Gesamtbetriebes und sein Wohnsitz wurde Teutschenthal. Mit Brachwitz blieb er jedoch durch die Domänen-
pachtung eng verbunden. Im Jahre 1923 musste das Kirchendach neu eingedeckt werden. Da das Geld dazu fehlte, lieh es Carl Wentzel. Für die Kirchengemeinde kam die Inflation zur rechten Zeit. Die Schulchronik dazu: ,.Herr Oberamtmann Wentzel konnte die zur Ausführung der Kirchen- und Küstereidachreparatur geliehene Summe mit einem Schlag zurückgezahlt werden, er war der Geschädigte, hat aber den Verlust im Interesse der Kirchgemeinde gern getragen.“ 

Überhaupt war Carl Wentzel ein sehr sozial eingestellter Mensch, der immer dort half, wo Hilfe nötig war. Zeitzeugen konnten mir das in persönlichen Gesprächen bestätigen. In Salzmünde z.B. ließ er eine Wohnsiedlung errichten.

Wentzel bewirtschaftete eine Fläche von über 36000 Morgen als Eigentum oder gepachtetes Land. Die Firma von Johann Gottfried Boltze (1780-1868) kam durch die Heirat mit Ella von Zimmermann
zum Wentzelschen Betrieb hinzu. Der landwirtschaftliche Bereich seines Unternehmens teilte sich in Pflanzen- und Tierproduktion auf. Daneben gab es Betriebe, die landwirtschaftliche Produkte weiter verarbeiteten; wie z. B. Zuckerfabriken, Zuckerraffinerien, Brennereien, Mühlen, eine Kartoffelflocken- und eine Malzfabrik. Zu dem Unternehmen gehörten aber auch Braunkohlengruben, Steinkohlenbergwerk, Kalkbrüche, Kaolin- und Tonbetrieb sowie ein Sägewerk.
Theorie und Praxis wurden verknüpft. ln Salzmünde stand die Saatzuchtanstalt, wo hervorragende Ergebnisse erzielt wurden. Enge Verbindungen hielt Wentzel auch zu Hochschuleinrichtungen. Für seine Verdienste wurde er geehrt. 

Zu den gepachteten Gütern zählte auch das Gut Schochwitz; der Familiensitz derer von Alvensleben. Ludolf – genannt Bubi — von Alvensleben, SS-Gruppenführer, gehörte zur Führungsriege um Himmler, welcher auch der Patenonkel von Alvenslebens Sohn war. Der SS-Mann war bestrebt, dieses Gut wieder in den Familienbesitz zurückzuführen. Reichsführer Himmler unterstützte das Ansinnen. Dadurch kam Carl Wentzel in die Schusslinie der Nationalsozialisten. (9)

Wentzel war bekannt mit dem ehemaligen Oberbürgermeister von
Leipzig. Dr. Goerdeler. Dieser gehörte zum Reusch-Kreis, einer Widerstandsgruppe. Mitglieder dieses Kreises und Goerdeler trafen sich u.a. auch in Teutschenthal. Nach Stauffenbergs Attentat auf Hitler am 20. 1944 wurde auch Wentzel verhaftet. Am 13. November 1944 stand Carl Wentzel vor dem Volksgerichtshof.

Unter dem Vorsitz seines Präsidenten Roland Freisler‚ eines fanatischen nationalsozialistischen Blutrichters, hatte Wentzel keine Chance. Gegen 17.00 Uhr fiel das Urteil: Todesstrafe, das Vermögen verfällt dem Reich. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Der Oberamtmann Carl Wentzel starb am 20. Dezember 1944 in der Richtstätte der Strafanstalt Berlin-Plötzensee, elf Tage nach seinem
68. Geburtstag. (9) Erst nach dem Ende des Krieges war es der Familie möglich, den Tod öffentlich anzuzeigen. Am 19. Juli 1945 erschien die Todesanzeige. (1°)

Prof. Hubert Olbrich gibt in seiner umfassenden Darstellung „Carl
Wentzel – Teutschenthal (1876-1944)“ folgende Würdigung Carl Wentzels: „Zu diesen Menschen (die nicht den Verlockungen des Nationalsozialismus verfielen – der Vf.) zählt Carl Wentzel aus
Teutschenthal im Mansfelder Seekreis, ein einfacher, bescheidener, zu jedermann verbindlicher Mensch von bestechender Liebenswürdigkeit, der ein hochkarätiger Großunternehmer war und den wirtschaftlichen Erfolg seines erfüllten Lebens immer zu verbinden wußte mit dem Dienst am Menschen, sei es durch großzügige soziale Einrichtungen in seinen eigenen Unternehmungen, sei es durch Mitarbeit in nationalen und internationalen Verbänden und Vereinigungen. In denen er in uneigennütziger Weise seine Schaffenskraft zum Wohle der Allgemeinheit zur Verfügung stellte. *11


Durch die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone 1945
wurde der Wentzelsche Besitz wiederum enteignet. Nach der Einheit Deutschlands 1990 konnten die Enkel von Carl Wentzel das Erbe ihres Großvaters weiterführen.

Anlässlich des 125. Geburtstages wurde an der ehemaligen Domäne in Brachwitz eine Gedenktafel enthüllt. Sie enthält folgende lnschrift:

Oberamtmann
Carl Wentzel

* 9.12.1876 + 20.12.1944
In diesem Hause wurde Oberamtmann Carl Wentzel geboren.
Beteiligt am Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er
verhaftet, gefoltert und am 20. Dezember 1944 von den
Nationalsozialisten in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Seine letzten Worte vor dem Tode lauteten:
Ich gehe unschuldig. aufrecht und in Liebe zu meiner
Familie in den Tod.

Anmerkungen

*Diese Darstellung soll auf eine Persönlichkeit unserer Region aufmerksam machen. Es ist nicht beabsichtigt eine ausführliche Biografie vorzulegen. Die in den Anmerkungen genannte Literatur gibt ein umfangreiches Quellenmaterial zu Carl
Wentzel wieder. Hervorzuheben ist dabei die Arbeit von Prof. Olbrich, der auf
308 Seiten eine umfassende Würdigung der Leistungen und des Menschen Carl
Wentzel gibt

1 Das Hauptregister des Standesamtes Brachwitz liegt im Standesamt der
Verwaltungsgemeinschaft Wettin.

2 Vgl. Dr. Siegmar Baron von Schultze—Galléra: Das Amt bezw. Domäne Brachwitz
II. in: Heideßote Halle (Saale). 24. August 1933, Nummer 34, Jahrgang 7.

3 Vgl. Dr. Walter Müller: Carl Wentzel – Opfer im Widerstand. in: Sonntagsnachrichten (Halle/Saalkreis), 9.12.2001.

4 Schulchronik Brachwitz. ln: Schriften des Ortsmuseums Brachwitz (Saalkreis),
1996.

5 Ebenda.

6 Vgl. Hubert Olbrich: Carl Wentzel -Teutschenthal (1876-1944). In: Schriften aus dem Zuckermuseum, Heft 14, Berlin 1981.

7 Vgl. ebenda.
8 Vgl. ebenda.

9 Vgl. ebenda.

10 Vgl. Amtliche Mitteilungen der Behörden der Stadt Halle (Saale) und des Saalkreises. Halle (Saale) 19.7.1945.

11 Olbrich, S. 22.

 

Quelle: Heimatjahrbuch Saalekreis 2002

Originalseiten:

 

Ortsregulativ für Kolonie Friedrichsschwerz

Ursula Paul/Hans—Dieter Paul

Ortsregulativ für die Colonie Friedrichsschwerz

Der preußische König Friedrich der Große erließ am 25. Dezember 1769 ein Reskript mit dem Inhalt. „daß auf der zum Amte Brachwitz gehörigen wüsten Feldmark ein neues Dorff von Zwantzig Colonisten. Familien angelegt werden soll“, 70Jahre nach der Gründung verordnete der damalige Landrat des preußischen Saalkreises, von Bassewitz, ein „Ortsregulativ für die Colonie
Friedrichsschwerz“.

Warum brauchte diese kleine Siedlung zwischen Brachwitz und Döblitz eine Regelung durch „das Königl. Hohe Ministerium des Innern und der Polizei“? Am 20. Februar 1840 unterzeichnete der Landrat diese Anweisung, um Ordnung in den Ort bringen zu können.

Pfarrer Zesch (von 1780 bis 1828 in Brachwitz tätig, Friedrichsschwerz bekam erst 1883 eine eigene kleine Kirche) schreibt im Februar 1800 über die Ansiedlung: „Das Dorf Friedrichschwerz hat 43 Häuser‘, in jedem Hause können zwey Familien wohnen. Heuer, da
ich dies schreibe. leben vom Greise bis zum jüngsten Kind 250 Menschen, auswärtig dienen noch viel Söhne und Töchter von der Colonie. Sie stehen unter dem Königl. Amte zu Brachwitz und gehören zur zweyten Inspektion des Saalkreises. Den ersten Ankömmlingen,
wurde ein Stückchen Land, von ungefähr 2 Morgen angewiesen, hierauf baueten sie ein Haus und Stall, eine kleine Scheune und legten einen Garten mit einer lebendigen Hecke umzogen an. Ein jeder Ankömmling erhielt vom Könige Bauholz, Ziegeln und andere Materialien mit eingerechnet. 60 Thlr. zur Unterstützung, und vom Königl. Amte zu Brachwitz wurden 20 Häusern 15 Morgen Acker gegeben. der ihnen aber nach einigen Jahren wieder abgenommen
werden mußte, weil sie diesen Acker in der damaligen Theuerung, in der die Einwohner Zugvieh dazukaufen, und dasselbe zu nähren, kein Vermögen hatten, nicht gehörig benutzen konnten. Sie ließen den Acker liegen, und zum Theil verwildern. Doch wurden diesen
20 Häusern 1,75 Morgen Acker auf dem sogenannten Jüdenkäfer und noch 2 sogenannte Grabekabeln gelassen Von den übrigen Häusern ist nur ein Garten, und eine kleine Kabel zu Küchengewächsen.

Funfzehen Jahre waren die neuen Einwohner von allen königlichen Abgaben befreihet; aber nunmehr geben sie dieselben, und gewisse kleine Zinsen dem königlichen Amte zu Brachwitz.“

Wie wurde die Anlegung des Ortes von den umliegenden alten Dörfern aufgenommen? Augenzeuge Zesch dazu: „Einige Einwohner in den benachbarten Dörfern sind unwillig, dass hier eine Colonie ist angelegt werden, weil man die zu ihr gehörigen, ohne Ausnahme, als
Felddiebe betrachtet . .. Man hat noch ärger geurteilt, und ohne Beweis die Colonisten in einen sehr übeln Rufgebracht, indem man von ihnen behauptet hat, und in der Ferne noch immer behauptet: „Durch Friedrichsschwerz darf kein Fremder, weder am Tage noch in der Nacht reisen, er wird von den Einwohnern angefallen, und rein ausgeplündertl‘ Aber welcher Fremde hat doch wol in Friedrichschwerz
eine Plünderung erfahren? Welcher Fremde hat Ursach gehabt. sich hierüber zu beschweren? Wenn es die Geschäfte erfordern, so reise man getrost durch Friedrichschwerz, die Einwohner werden ihn nicht anfallen, nicht plündern, nicht einmal den durchreisenden Menschen
mit Worten beleidigen.“

Die Einwohner von Friedrichsschwerz betrieben selbst keine Landwirtschaft, da ihnen der Acker fehlte. So blieb für die Männer hauptsächlich eine Tätigkeit in umliegenden Dörfern als Knecht. z. B. auf der Domäne Brachwitz oder bei Großbauern und (oder) im handwerklichen Bereich in der industrialisierten Stadt Halle, obwohl der Weg weit war an der Saale entlang, zu Fuß oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Fahrrad. Erst später nach dem zweiten Weltkrieg konnte man mit dem Bus fahren. Die
Frauen arbeiteten ebenfalls in der Landwirtschaft der umliegenden Dörfer als Saisonkräfte bei der Ernte. Dass die Männer hauptsächlich im Handwerk beschäftigt waren, konnte man schon immer an den schmucken Häusern mit ihren gepflegten Vorgärten erkennen.

Lassen wir wieder Pfarrer Zesch aus dem 19. Jahrhundert berichten: „Aber Sind denn unsere Colonisten ganz schuldlos? entwenden sie nichts? Hierauf will ich gewissenhaft antworten: ‚Einige von den Einwohnern stehlen Getraide vom Felde, besonders Hafer= und Gersten=Garben‚ auch holen sie Kraut, Rüben und Erdtoffeln; ist der Winter hart, und können sie, wie dies oft der Fall ist, keine Stemkohlen für Geld bekommen, so stehlen sie auch Bäume.‘ Daß sie aber des Nachts an fremden Orten einbrechen sollten. ist Unwahrheit. wenigstens ist mir seit 20 jahren noch kein Beyspiel davon bekannt worden In der vor einigen jahren zu Brachwitz entstandenen Feuersbrunst, räumten die Friedrichschwerzer meine ganze Wohnung aus, ich versichere, daß ich von ihnen alles unbeschädigt und richtig wieder bekommen habe. Sie haben in mehreren Häusern Sachen gerettet. und es hat niemand nach der Rettung über sie geklagt Denn alle benachbarte Dörfer, und auch entferntere, nehmen Tagelöhner und Dienstboten aus der Colonie, und sie sind größtentheils arbeitsame und treue Leute. Ueberhaupt zeichnen sich unsere Colonisten durch ein höfliches, bescheidnes Betragen, sehr zu ihrem Vortheil gegen manche Bewohner anderer Dörfer aus. Es wohnen hier Leinweber, Schuster, Schneider, Schiffknechte, und einige von den Einwohnern setzen auf den Dörfern die leimernen Wände mit großer Geschicklichkeit, womit sie viel Geld verdienen.

Das weibliche Geschlecht geht zum Theil mit in die Ernte und zum Dreschen, zum Theil spinnen sie auch Berliner Wolle für die Fabriken, und Flachs für Fremde um einen billigen Preiß.““’

Zesch nimmt seine Pfarrkinder in Schutz: „Man hat dies Dorf auch mit dem Namen Bettelschwerz beehrt, weil so viele Kinder zum Betteln ausgehen. Wenn man aber weiß, daß die Eltern krank und
schwach sind: oder so viele Kinder haben, daß sie dieselben von ihrem verdienten Tagelohne nicht hinlänglich ernähren können, und man auch bedenken will, daß von 1,75 Morgen Land, oder bey andern von einem kleinen Garten nichts erspart, keine Armenanstalt errichtet werden, noch weniger ein Colonist den andern unterhalten kann, – dann wird man den armen Kindern das Betteln menschenfreundlich verzeihen Uebrigens hoffet man, daß es mit der hiesigen Colonie nicht schlechter. sondern von jahr zu Jahr besser werden wird: wie es denn auch jetzt schon weit ordentlicher in derselben zugehet, als var 20 Jahren. Von den allerersten Ankömmlingen sind nur noch 5 Männer und 9 Frauen. und von den Reformirten 2 Frauen übrig. Die jetzigen Bewohner kann man also die zweyte Generation nennen, von der wir erwarten, daß sie sich künftig so verhalten werde,  daß sie von den benachbarten Gemeinden könne geachtet und geliebet werden.“

Doch der fromme Wunsch des Pfarrers scheint nicht in Erfüllung gegangen zu sein. Die napoleonische Fremdherrschaft und die folgenden Hungersnöte durch Missernten, verbunden mit enormen
Preissteigerungen verschlechterten die Lebenslage auch in der Colonie Friedsrichsschwerz. Nach dem Motto „Einmal Dieb. immer Dieb“ werden auch die Friedrichsschwerzer wohl öfter für Rechtsbrüche verantwortlich gemacht, auch für solche, die man ihnen in die Schuhe schob, so dass die preußische Regierung mit dem Ortsregulativ ein-
greift. Wirtschaftliche Hilfe wäre für die Menschen besser gewesen. Die zunehmende Industrialisierung führte auch dazu, dass für in Heimarbeit hergestellte Ware die Fertigungskosten zu hoch waren und der Verdienst dadurch zu gering.

Das Ortsregulativ schränkte die Freiheiten der Bürger von Friedrichsschwerz ein. Nach der Anordnung durfte in Friedrichsschwerz niemand mehr siedeln oder wohnen, wenn er:

1. nicht einen Unbescholten- und Erwerbsfähigkeitsnachweis erbringen konnte,

2. nicht eine Zuzugserlaubnis des Landrates hatte,

3. nicht vollgültige Zeugnisse vorweisen konnte,

4. wenn er zum fahrenden Volk gehörte (z. B. Musikanten),

5. wenn er keine fünf Taler bezahlen konnte

6. wenn er zahlungsunfähige Mieter aufnahm,

7. wenn er nicht jeden Fremden, im Dorfe Übernachtenden oder Wohnenden dem Dorfschulzen meldete,

8. wenn nicht alle Erlaubnisse für den Siedler erteilt und Strafgelder von diesem bezahlt worden waren.

Die Geldstrafen, Einzugsgelder und Gebühren sollten in die Gemeindekasse fließen und für Gemeindebedürfnisse verwendet werden. Ob damit die Armut beseitigt wurde? Wohl kaum. Kurt Gorspott, der Ostern 1926 in Friedrichsschwerz eingeschult wurde, schreibt in seinen Erinnerungen: „Aus allen Ecken und Löchern glotzten uns
die Armut und das Elend an … ich möchte an meinen kleinen blauen Handwagen erinnern. Mit diesem kleinen Wagen bin ich kreuz und quer durchs Gelände gezogen und habe alles, was so einigermaßen fest und brennbar war, aufgesammelt und nach Hause gefahren, jedes Stück Holz, jeden Knorpel Kohle, den ich auf den Wegen gefunden
habe hatte ich aufgesammelt. Oftmals bekam ich vom Kaufmann, der auch Kohlebriketts verkaufte, drei oder vier Brikett geschenkt.

Wenn es Abend wurde, hat mein Papa im Küchenherd Feuer gemacht. Hei, hat das geknistert und geprasselt und es wurde in unserer kleinen Küche sehr schnell und wohlig warm. Unsere Mama hatte von ein paar Pellkartoffeln, etwas Mehl und einem Ei einen Teig gemacht und dann wurden auf der heißen Herdplatte Kartoffelplätze gebacken und wir konnten uns den Bauch endlich wieder mal so richtig vollstopfen, so daß der Magen mal nicht mehr geknurrt hatte.“

Heute ist dieser Ortsteil von Brachwitz von fleißigen, neugierigen und strebsamen Bürgerinnen und Bürgern bewohnt, die sich allerorten engagieren, niemanden mehr „bemausen“, vielen Häuslebauern Platz schaffen, die Wissenschaften ehren, an der Forschung teilnehmen — und sogar dem „Alten Fritz“ ein Denkmal errichtet haben, dem Vater preußischer Siedlungspolitik.

Auf der folgenden Seite kann man das „Ortsregulativ für die Colonie Friedrichsschwerz im Original lesen und einen kleinen Nachgeschmack preußischer „Zucht und Ordnung“ erhalten:

 

Quelle: Heimatjahrbuch Saalekreis 2008

Originalseiten: 

 

300 Jahre „Alter Fritz“

24. Januar 1712—24. Januar 2012

An diesem Tag wäre der preußische König Friedrich II., genannt der Große oder der Alte Fritz, 300 Jahre alt geworden.

Nun gibt es eine Urkunde vom 25. Dezember 1769, die einen Bezug zu einem Ort im Saalekreis herstellt: Friedrichsschwerz. Der alte Ort war niedergegangen und Friedrich befahl, einen neuen aufzubauen. Das neue Dorf war ein typisch friderizianisches — breite Straße, links und rechts ein breiter Grünstreifen. Für 20 Familien.

Stellen wir nun die Beziehung zu heute her. ln Friedrichsschwerz hatte sich eine Bürgerinitiative gebildet, die von Wilfried Böltzig geleitet wird. Durch diese Initiative wurde ein Denkmal geschaffen, das den Gründer der Kommune zeigt. Das Denkmal konnte durch die Spende der Einwohner und Spenden von ehemaligen Schwerzern, die in der Bundesrepublik und im Ausland lebten, realisiert werden.

Wilfried Böltzig, flankiert von einem preußischen Soldaten (Foto: i. Zander)

Die Kindergartengruppe ( Foto: I. Zander)

Gruppenbild am Denkmal ( Foto: I. Zander)

Das war am 3. Oktober 2004, zum 235. Jahr der Wiederkehr
der Ortsgründung.

24. Januar 2012. Ein Wintertag, kalt, mit Schnee durchsetzt. Ungefähr 30 Personen, einige Kinder der Kita, ziehen von der Feuerwehr hin zum Denkmal. Die Firma Zindler&Hoffmann war durch die Eheleute Zindler vertreten. Wilfried Böltzig eröffnet. Anschließend zeigt die Kindergartengruppe ein kleines Programm. Danach spricht die Bürgermeisterin der Stadt Wettin-Löbejün, Frau Antje Klecar. Schließlich zeigt Ortfried Lindner ein Lebensbild des Königs. Umrahmt wurde das Ganze durch Jürgen Otto, der auf seinem Saxophon spielte.

Einen Höhepunkt bildete der „königliche Soldat“, der nicht eingeladen überraschend aus Steigra kam.

Dann ging es zurück zum Feuerwehrhaus. Hier hatte die Bürgerinitiative eingeladen. Bei Kaffee, Kuchen und belegten Broten wurde noch lange über Friedrich den Großen gesprochen.

Jürgen Otto und sein Saxophon (Foto: I. Zander)

Frau Antje Klecar spricht (Foto: I. Zander)

Am Denkmal für Friedrich ll. (Foto: I. Zander)

Ortfried Lindner (Foto: I. Zander)

 

Literatur:

Hans-Dieter Paul: Friedrichsschwerz — ein Ort mit zweimaliger Gründung. In Heimat-Jahrbuch Saalkreis. Bd.2, Saalkreis 1996, S. 60ff.

Ders.: Ein Denkmal für den Ortsgründer. In Heimat-Jahrbuch Saalkreis. Bd. 11, Saalkreis 2005, S. 35 ff. .
Ursula Paul/Hans-Dieter Paul: Ortsregulativ für die Colonie Friedrichsschwerz. ln Heimat-JahrbuchSaalekreis, Bd. 14, Saalekreis 2008, 5.70 ff.

 

Quelle: Heimat Jahrbuch Saalekreis 2012

Originalseiten

 

PAGVS NELETICI ET NVDZICI oder ausführliche diplomatisch historische Beschreibung

PAGVS NELETICI ET NVDZICI oder ausführliche diplomatisch historische Beschreibung des zum ehemaligen Primat und Erz – nunmehr aber den westphälischen Friedens Schluß fecularifirten Herzogtum Magdeburg gehörigem Saal – Kreise

Johann Christoph von Dreyhaupt

1755

Das 5 Buch. Vom Amte Brachwitz

§1

Das Amt Brachwitz ist vormals ein Rittergut gewesen, so das Adelige nunmehr ausgestorbene Geschlecht derer von Zimmern (von welchem hinten in der Beylage B die Geschlechts-Tabelle No. 186 nachzusehen) einige hundert Jahr besessen hat. Massen Ao.  1467 Herrmann von Zimmern von Erzbischoff Johanne in Lehn gereicht worden, ein Sattelhof und 5 Hufen Landes und 3 Werder mit ihren Zubehörungen zu Brachwitz, und das Dorff Brachwitz mit Gerichte und Rechten über Hals und Hand und 13 Höfe daselbst im Dorffe und 12 Hufen Landes Bauer-Guths, daran er Lehnend Zinse hat, und Fischerey in dem Wasser, die zu dem Hofe gehöret. Einen Werder auf der Schore, das Dorff Löbnitz mit Gerichte und Rechten, und mit 12 Hufen Zinsguts und 2 Werdern und das Kirch

19. Brachwitz, ein Dorff, Amt und Pfarrkirche

liegt anderthalb Stunden von Halle gegen Mitternacht hinter Trote, und drittehalb Stunden von Wettin an der Saale lohnweit des wettinischen Weges linker Hand, gehört mit Ober- und Untergerichten, Lehnen und Diensten zum ehemaligen Rittergute und jetzigen königlichen Amte Brachwitz davon pag. 862 gehandelt, und hat 33 Feuerstellen, eine Schmiede und Schencke, so das Bier vom Amte nehmen muß. Die Lage desselben ist sehr anmutig, die Luft sehr rein, so daß der Ort 1682 von der Pest verschont geblieben, und die Brunnen Wasser vortrefflich und überaus gesund, der Ackerbau aber mittelmäßig, jedoch soll der schönste und beste Roggen in der ganzen Gegend, weil er dünnhülsig und Mehlreich, allhier gebauet werden. Die Gegend ist bergigt mit Felsen und Steinbrüchen, mit Kupfer- und Silber – haltigen armen Schiefern, und heissen die Feld-Marcken die Brachwitzer, Schwarz, Schobelitz und Lüttenauer Marcke, in welchen letztern vor langen Jahren Dörffer gestanden, und die Rudera noch davon zu sehen sind.

§2

Die Pfarrkirche ist sehr alt, aber weil die Documenta im Feuer mit aufgegangen, unbekannt, welchem Heiligen sie gewidmet, und davon wem sie den Rahmen führte; weßhalb auch nicht angezeigt werden kann, wer der erste Evangelische Prediger gewesen, und wer ihm bis zu Anfang des XVII Seculi im Amte gefolget sen; nachher finden sich

1) Andreas Beschelius 1613

2) Johann Schindler 1639

3) Johann Sonnenfelder von 1646 bis 1678

4) Sein Sohn gleichen Namens, ward ihm substituiert und lebte bis 1680

5) M. Johann Adam Anacker von 1681 bis 1701

6) Christoph Haue 1702 ward 1712 Pastor zu Gimritz

7) Gottlieb Lebrecht Belau, 1712, ward 1715 nach Ottersleben versetzt

8) Petrus Paulus Wittrich, Pastor Ottersleben, anhero versetzt 1715, starb in der Fasten 1730.

Ein mehrers von diesem Orte siehe unter dem Titel: Amt Brachwitz.

 

Quelle: https://books.google.de/books?id=jjdPAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=PAGUS+NELETICI+ET+NUDZICI&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjpmZeSpJ3iAhXewAIHHQ0FD3kQ6AEIPjAD#v=onepage&q&f=false

Neue Mitteilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschung

Im Rahmen des mit der königlichen Universität Halle-Wittenberg verbundenen Thürinisch-Sächsichen Vereins für Erforschung des vaterländischen Altertums und Erhaltung seiner Denkmale

Erster Band – Erstes Heft

Halle – 1834

Seite 45

IX. Brachwitz:

376. Luckenau (bei dem Herrn von Dreyhaupt Lückenau, Lütkenau) ist dem Namen nach unbekannt; ob es auf dem Anger lag, 1/4 St. westlich von Brachwitz, welcher die Dorfstätte heißt und früher zu einer Maulbeer-Anpflanzung benutzt wurde, ist zweifelhaft.

377. Schwärz 1/2 St nördlich von Brachwitz. Im Jahre 1767 wurde hier die Colonie Friedrichschwärz angebaut.

378. Schobelitz 1/2 St. westlich von Brachwitz; ist jetzt Anger *). Außer diesen 3 genannten wüßten Marken zeigen sich dicht bei Brachwitz gegen O. viele Spuren ehemaliger Wohnplätze; man hat hier irdene Geschirre, Eisenwerk, Thierknochen, namentlich Hirschgeweihe und dergleichen gefunden, Die dabei aufgeworfene Erden enthält bereits ausgelaugte Holzasche.

*) Bei dem Dorfe Döblitz wird im Berichte eine wüßte Dorfstätte „Schobitz“ angeführt, „ein Anger nahe der Saale 2000 Schritte südlich von Döblitz“. Diese Angabe trifft genau mit der über Schobelitz zusammen, wir halten daher beide Namen für einen und denselben. Einige Mauern von Gebäuden sind bei dem angeblich im 30 jährigen Kriege zerstörten Schobitz noch sichtbar.

 

Quelle: https://books.google.de/books?id=fjwVAAAAQAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

Wanderungen durch den hallischen Stadt- und Saalekreis

1881 – Chronik für Heimatkunde für Schule und Haus

  1. Teil – Seite 110 bis 112

Eduard Meißner

  1. Amtsbezirk Brachwitz

Brachwitz hatte vor 100 Jahren 33 Feuerstätten, jetzt 80. 1877 waren 619, jetzt sind 600 Einwohner vorhanden. Es befindet sich hier eine Kirche, eine Schule. Die Domäne hat 24 Einwohner. Dreyhaupt sagt in seiner Chronik: Die Lage desselben ist sehr anmutig, die Luft sehr rein, so daß auch der Ort 1682 von der Pest verschont geblieben und die Brunnenwasser vortrefflich und überaus gesund, der Ackerbau aber mittelmäßig, jedoch soll der beste und schönste Roggen der ganzen Gegend hier wachsen, da er dünnhülsig und Mehlbreien ist. Die Gegend ist bergig, mit Felsen, Steinbrüchen, mit kupfer- und silberhaltigen armen Schiefern und heißen die Feldmarken, die Brachwitzer, Schwartz, Schobelitz und Lüttkenauer Feldmarke, in welchen letztern vor langen Jahren Häuser gestanden und die Rubera noch zu sehen sind.

Brachwitz liegt dicht an der Saale, in den Porphyrbergen, seine Brunnen sind meist salzhaltig, und auch vor dem Teiche setzt sich bei trockenen Wetter Salz ab. Weil viele Porphyrkuppen zu Tage treten, darum ist der Ackerbau mittelmäßig. In Jahre 1866 hat die Cholera den Ort heimgesucht. Der Durchbruch der Saale auch die Brachwitzer Felsen bietet einen prächtigen Anblick und schöne Punkte dar, besonders den Lindenberg, den Trompeter (fast Lettin gegenüber) und die Klinken. Von Kupfer- und silberhaltigen Schiefern ist nichts bekannt, dagegen ist in der Klinke ein Steinkohlelager, das jedoch nicht abgebaut wird, da es nicht mächtig genug ist. Die alte Kirche ist vor dem 30-jährigen Kriege gebaut und hat als ganz besondere Eigentümlichkeit einen Keller unter dem Altar, der früher vom Lehrer benutzt worden ist, da derselbe in der frühern Wohnung keinen besaß. Die im Dorfe liegende Domäne war vormals Rittergut; es Gehörtees gehörte mehrere Jahrhunderte den Herren von Zimmern. 1467 hat es Herrmann von Zimmern vom Erzbischof Johann als Lehn erhalten und zwar einen Sattelhof, 5 Hufen Land und 3 Werber, auch die Gerichtsbarkeit über Hals und Hand vom Dorfe, das 13 Höfe und 12 Hufen Land hatte, ist ihm gegeben. Valentin von Zimmern, der 1573 gestorben, hat das Gut geteilt und seinem Sohne zweiter Ehe, Herrmann, den Unterhof, die jetzige Schäferei, und den Oberhof, seinem Sohne Valentin gegeben. Es hieß nun der Oberhof der Valentinische und der Unterhof der Herrmannische Hof. Zum Unterhof gehörten etliche Ritterhufen, das Schellnersche Bauerngut, die Schwarzmarkt und die Hälfte der Gerechtigkeit von Brachwitz. Herrmann machte Schulden, dazu brannte beim Ausbrennen eines Kellers 1603 der Unterhof und mit ihm das ganze Dorf samt dem Oberhofe ab. Die Kirche ist erst 1617 wieder aufgebaut. Zur Entschädigung mußte Herrmann an den Oberhof 2 Hufen Land abtreten. Weil ihm das Geld zum Aufbau fehlte, darum verkaufte er den Unterhof an Heinrich von Trotha auf Krosigt. Ungefähr 1670 starb auf dem Oberhofe das Geschlecht der Herren von Zimmern aus und der Besitz fiel an August, den Administrator des Herzogtums Magdeburg, der es seinem Kanzler schenkte. 1703 kam der Unterhof als lediges Lehen an den König von Preußen und 1705 der Oberhof. Der König legte beide Höfe zusammen und machte ein Königliches Amt daraus, dem die Gerichtsbarkeit über Hals und Hand zustand, wie auch der beim Dorfe liegende Galgenberg andeutet. Zur Zeit ist das Amt eine Domäne, deren Pächter das Amt eines Amtsvorstehers verwaltet.

Als wüste Dorfstätten sind zu nennen Schoblitz, Schiepzig gegenüber, Lüttenau, das an Schoblitz und Döblitz grenzt, Schwerz auf der Höhe und Hiltendorf bei Morl. Von Schoblitz hat der Kirchhof bis zur Separation gestanden, dann ist die Dorfstätte an das Am gekommen, welches vor 3 Jahren die Grundmauern gehoben hat. Man will hier noch von einem Dame durch die Saale Wissen, an dem die Mühle gestanden haben soll. Auch von Lüttenau, Salzmünde gegenüber, sollen Überreste bis in unsere Zeit gesehen worden sein. Auf dem Acker nach Morl steht ein Stein, bei dem ein Hügel mit Urnen sich befunden hat.

Das Dorf Friedrichschwerz, das 1875 – 286 Einwohner hatte und 328 besitzt, ist nach Brachwitz eingepfarrt; es wurde 1776 von Friedrich dem Großen als Arbeiterkolonie für das Amt Brachwitz gegründet. Die Bewohner haben sehr wenig Acker, können sich auch keinen kaufen, da die Domäne Brachwitz das Dorf einschließt; zur Zeit finden sie besonders in Salzmünde Arbeit. Friedrich der Große schenkte der Gemeinde eine Agende, obschon keine Kirche da war. Das Dorf ist auf der wüsten Dorfstätte Schwerz erbaut, welche schon 1467 als Schwerzmarke erwähnt wird. Es läßt dies annehmen, daß die Hussiten diese und die angrenzenden Dörfer zerstört haben. Der Ort hat eine Schule.

 

Quelle: http://digital.bibliothek.uni-halle.de/hd/content/pageview/2318319

Auch im Saalekreis wird gefunkt

JOACHIM ZANDER

Auch im Saalekreis wird gefunkt — Die Morsetelegrafie als Weltkulturerbe

Wohl kaum eine Erfindung wirkte im Laufe der Menschheitsgeschichte so umwälzend und hat die Entwicklung der gesamten Welt derartig entscheidend beeinflusst, wie die der Signalübertragung durch elektromagnetische Wellen. Einige Nationen wetteifern eigenartiger weise um die Priorität der „Erfindung des Radios“, wie sie es nennen. Man kann heute getrost behaupten, dass diese Entdeckung um das Jahr 1900 quasi „in der Luft lag“. Immer mehr Menschen interessierten sich für die Funktechnik. Am 27. August 1897 führte Adolf Slaby erfolgreich Nachrichtenversuche mit elektromagnetischen Wellen über die Havel bei Potsdam durch. Er war Professor für theoretische Maschinenlehre und Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Diese Versuche waren offensichtlich die ersten Versuche dieser Art auf deutschen Boden. Slaby hatte schon früher, nach bekannt werden der grundlegenden Arbeiten von Heinrich Hertz, eigene Ausbreitungsversuche unternommen. Im Mai 1897 wohnte er auf Einladung der englischen Telegrafenbehörde, den Versuchen von Marconi am Bristol-Kanal bei. Zurückgekehrt nach Berlin setzte er seine Nachrichtenübertragungsversuche mit den neu gewonnen Erkenntnissen, unter Verwendung von Antennen und einer Erdung auf der Sende und Empfangsseite erfolgreich fort.

Slaby hatte mit seinen Untersuchungen wertvolle Pionierarbeit geleistet. Er berichtete über seine Erfolge an der Technischen Hochschule und in Vorträgen über die Bedeutung der drahtlosen Funktelegraphie, vor allem für militärische Aufgaben, aber auch für die mitSchiffen. Der Erfinder, der aus Punkten und Strichen bestehenden Funkentelegraphie, war der amerikanische Kunstmaler Samuel F. B. Morse (1791 —1872). Nach ihm ist das Telegraphiealphabet „Mersealphabet“ benannt.

Skizzenhafte Darstellung der ersten Sende und Empfangsstationen

International und weltweit wird ein etwas vereinfachtes Alphabet von dem deutschen Beamten. Friedrich Clemens Gerke (1801—1888), benutzt. Es ist durch einen deutsch-Österreichischen Vertrag als verbindlich ein-geführt wurden und hat, da es wesentlich praktischer ist als die Buchstabenkombinationen von Morse. seit dem 19. Jahrhundert die jetzige, universelle Bedeutung und Aus-weitung erfahren. Dennoch redet man im—mer noch von Morsetelegraphie und dem Morsealphabet. Im Laufe der Zeit wurde die Funktechnik immer Weiterentwickelt und verfeinert. Sie gelangte im zivilen sowie im militärischen Nachrichtendienst immer mehr an Bedeutung. So nahm am Anfang des vorigen Jahrhunderts die Moretelegraphie über Funk in der Schiffs— und Luftfahrt immer mehr zu. Man hatte die Bedeutung dieser Nachrichtenübertragung erkannt. Aber nicht nur die kommerziellen Funkdienste nutzten das Morsealphabet. Auch die immer mehr werdenden Privat- bzw. Amateurfunker nahmen das neue Medium für sich in Anspruch. Der Grundstein zum Amateurfunk in Deutschland wurde im Jahre 1920 gelegt. Es waren zwei junge Deutsche die eine Funklinie ohne Genehmigung betrieben. Zu ihnen gesellten sich im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Funkfreunden. Auch in anderen Ländern waren es technikbegeisterte Menschen, welche sich vermehrt mit der drahtlosen Funktechnik und dem Morsen beschäftigten. So kam es im Jahre 1925 zur Gründung der „Internationalen Amateur Radio Union (IARU). Zu diesen Zeitpunkt wurde auch die sogenannte „lnternationale Funkverkehrssprache“ in Morsetelegraphie weiter verbreitet. Darunter fallen auch die bis heute noch gebräuchlichen Amateurfunkverkehrsabkürzungen. Bei den Kürzeln handelt es sich um komplexe funkamateurspezifische Kürzel, von denen allerdings auch einige bei kommerziellen Funkdiensten genutzt werden. Aus historischen Gründen heißt die Morsetelegraphie „CW“. Die korrekte Bezeichnung ist, Träger getastete, unmodulierte Telegraphie, für nicht maschinellen Empfang. Telegraphie — CW — ist Tastfunk, also Funkverkehr im Morsecode, wobei die Codierung und Decodierung nicht maschinell, sondern unmittelbar vom Funker erfolgt. Die aktive Kenntnis des Morsecodes ist eine unabdingliche Voraussetzung. CW soll als Sprache verstanden werden, und gutes Telegraphieren muss gelernt werden. Es muss sozusagen ins Blut übergehen. Die CW-Sprache stellt eine ganz besondere Herausforderung an den Funktelegraphisten, aber sie ist die einzige Betriebsart, die weltweit Amateurfunkverkehr ohne Fremdsprachenkenntnisse, mit der Beherrschung weniger Kürzel ermöglicht. Wenn die spezifische Betriebsabwicklung erlernt ist. dann ist auch CW die reinste Freude! Natürlich ergibt sich mit steigender Erfahrung und den Knüpfen von Freundschaften das Bedürfnis, auch längere, ausführlichere Verbindungen zu tätigen, bei welchem zwangsläufig auch „offene Sprache“ durch Morsezeichen verwendet wird. Die Technik hat in allen Bereichen unseres Lebens in solch einem Maße Eingang gefunden, so dass wir ohne Sie nur schlecht zurecht kämen, Diese Entwicklung verdanken wir u.a. der seit vielen Jahren populär gewordenen Freizeitbeschäftigung des Amateurfunks. Der Amateurfunkdienst ist ein international anerkannter Funkdienst technisch experimenteller Art, der von technisch interessierten Laien, eben „Amateuren“ ausgeübt wird. Als solcher umfasst er heute in der Bundesrepublik Deutschland eine Gruppe von ca. 75 000 engagierten Menschen, die sich mit der Funktechnik befassen und sich in zunehmendem Maße neben technischen und wissenschaftlichen auch sozialen, der Völkerverständigung dienenden, sowie humanitären Aufgaben und Zielen widmen.

Morsealphabet

 

Ab 1954 waren Funkamateure des Saalkreises an den Klubstationen der Zuckerfabrik Löbejün DM4EH, der Klubstation der Relaisfunkstelle der Deutschen Post auf dem Petersberg DM4SH und der zentralen Ausbildungsstation der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) in Oppin DM3XH. im weltweitem Funkverkehr, vorwiegend in Telegraphie tätig. An den Klubstationen erlangten technisch interessierte Personen eine umfangreiche Ausbildung in Technik und Selbstbau von Funktechnik. Nach bestandener Prüfung in Telegraphie, Technik und Betriebsdienst bekamen sie eine Funkgenehmigung, mit dem entsprechend dem Standort der Funkstation bezogenes Funkrufzeichen. Einige Empfangsbestätigungskarten. Nach der Deutschen Wiedervereinigung fielen die Funkrufzeichen aus der DDR weg. Die im Saalkreis beheimateten Funkamateure bekamen neue Funkrufzeichen von der Bundespost zugeteilt. Es gibt heute im historischen Saalkreis (nicht vollständig) die Funkrufzeichen:

 

  • DBOPET auf dem Petersberg
  • DBOSK in Schwerz
  • DL1HZA in Brachwitz
  • DL1 HUB in Hohenthurm
  • DHOVB in Sennewitz
  • DL2HRS in Dieskau
  • DL3HWD in Langenbogen.
Brachwitz

Durch die Funkamateure mit den vorgenannten Funkrufzeichen wird der Saalkreis weltweit in Telegraphie, im Sprechfunk, beim Amateurfernsehen und vielen digitalen Sendebetriebsarten bekannt gemacht. In den Tageszeitungen sind sicher schon Meldungen aufgefallen, in denen die Hilfeleistungen bei Katastrophen durch Funkamateure berichtet wurde. Da haben Funkamateure auf ungewöhnliche Weise

Medikamente beschafft oder sie haben den Transport schwerkranker aus Unglücksgebieten organisiert. Notrufe über Amateurfunkstationen waren vielfach die letzte Chance bei Verzögerung, oder Ausfall der normalen Nachrichtenwege. Die Standorte der Funkamateure erkennt man oft schon an den der Eigenart der Wellenlänge angepassten Antennenbauten. Die Amateurfunkantennen sollten auch als eine Art „Bauwerke für ein friedliches Nebeneinander“ angesehen werden.

 

Nach Aufgabe der kommerziellen Morsetelegrafie im See-, Flug- und Militärfunk, startete der deutsche Funkamateur Johannes Amchewicz DK8JB, 2008 einen Aufruf mit dem Ziel, CW durch die UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Diese Idee fand weltweite Zustimmung. Mit dem „Arbeitskreis Weltkulturerbe Morsetelegrafie“ hat er sich um ein internationales Netzwerk zur Durchsetzung dieses Zieles bemüht. Mehr noch als andere aussterbende Minderheitssprachen hat CW die Entwicklung der Fernmeldetechnik über ein Jahrhundert lang begleitet und das weltweit. Telegraphie hat Sprachbarrieren überwunden und somit zur Völkerverständigung beigetragen. Diese Kunstsprache mit all ihren Abkürzungen wird auch heute noch von Funkamateuren am Leben erhalten, trotz vieler modernerer Übertragungsverfahren. Eine Anerkennung hätte große Öffentlichkeitswirkung. Am 12. Dezember 2012 beschloss das Bundeskabinett den Beitritt Deutschlands zum UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes‚ am 9. Juli 2013 trat es in Kraft. Damit kann CW voraussichtlich im November 2015 von der UNESCO in die Liste aufgenommen werden.

Petersberg
Löbejün

´

Argumente für CW als Weltkulturerbe:

  1. In Gesamtheit der Morsezeichen, mit Abkürzungen und Verkehrszeichen handelt es sich um Sprache, die weltweit (bei Funkamateuren) in Gebrauch ist.
  2. CW hat eine über 175-jährige Geschichte.
  3. Der Pflicht zur Erhaltung und internationalen Orientierung wird per Amateurfunkgesetz mit der Verpflichtung zur Völkerfreundschaft nachgekommen.
  4. Weltweite Amateurfunkverbindungen in CW sind Alltagsgeschäft der Funkamateure .
  5. Amateurfunk ist privat und ideell, es gibt keine Kommerzialisierung. Der CW-Antrag verfolgt keinerlei finanziellen Interessen und solche sind auch nicht zu befürchten.

 

Der Beitrag soll aufzeigen, welch großartigen Erfindergeist unsere Urgroßväter und Großväter auf dem Gebiet der Funktechnik leisteten. In einer Zeit, in der Rundfunk, Fernsehen und auch Funktelefon aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken sind, kann man die Ereignisse vor über 100 Jahren in Deutschland gar nicht genug würdigen.

 

Joachim Zander DL1HZA

Mitglied im Ortsverband Wl9

Des Deutschen Amateur-Radio-Club e.V.

 

Quellennachweis:

CW-Handbuch für Funkamateure‚ 1.Auflage 1963. von W. F. Körner DL1CU

Geschichte des Amateurfunks. 2. Auflage von Otto A.Wnsner DJSQK

Schriften des DARC e.V.

Literatur des Ortsmuseum Brachwitz

Eigene Unterlagen von DL1HZA

 

 

Originale Seiten aus dem Heimatjahrbuch 2014

 

 

 

Der Burgwall von Brachwitz

Burgwall Brachwitz

Der Burgwall von Brachwitz

Als Grenzbefestigung gegen das Frankenreich wurde auf dem Zigeunerberg durch den slawischen Stamm  der Nudzici im 9./10. Jahrhundert ein kreisförmiger Burgwall errichtet. Nach der Eroberung durch König Heinrich I. (919-936) wurde der Burgwall zum deutschen Bergfried ausgebaut, da er sich im militärischen Schutzgebiet gegen Ungarn befand. Über die Größe kann nichts genaues berichtet werden. Reste des Burgwall wurden durch einen Steinbruch abgetragen.

Jedoch muss eine Burg, nach dem damaligen Burgenerlass von Heinrich den I., aus mindestens einem Wohnhaus, Unterkünfte, Speicher und freien Platz bestanden haben, um Kriegern als Residenz zu dienen und außerdem als Platz zum Lagern von Nahrungsmitteln zu fungieren. Ausgrabungen konnten beweisen, dass die „Burgmauer“ aus zwei Holzpalisaden bestanden, dessen Zwischenraum mit Erde befüllt war.